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Betreutes Wohnen für psychisch kranke junge Erwachsene
Betreutes Wohnen für psychisch kranke junge Erwachsene

"Zwischen Baum und Borke", so nennt sich eine Fachgruppe, in der Berliner Träger für betreutes Wohnen seit 20 Jahren zusammenarbeiten. Mitarbeiter/innen der Fachgruppe sind Helmut Elle (Prowo e.V.), Eva Kohler (TWG neuhland e.V.), Peter Leinen (Der Steg gGmbH), Ute Meybohm (ajb GmbH) und Werner Schilling (Sozialtherapeutisches Hilfswerk e.V.). Ihre Klienten/innen sind psychisch erkrankte junge Erwachsene, die die Freiheiten, Rechte und Pflichten eines Erwachsenen weder in vollen Zügen genießen, noch ihnen gerecht werden können.

Jugendlich oder doch schon erwachsen?
Für junge Erwachsene, eine attraktive Gruppe in und für die Werbung, wird bei psychischer Erkrankung schnell und hart spürbar, dass sie weder ihren eigenen Vorstellungen und Idealen folgen können, noch denen ihrer sozialen Umwelt. Was als Reich der Chancen und Möglichkeiten postuliert wird, bedeutet für sie häufig Illusion, Frustration, Last und Verzweiflung. Die Erwartung an junge Menschen, ohne große Zeit- und Reibungsverluste ihren Weg zu finden und zielgerichtet zu gehen, ist größer geworden, und bei den Jugendlichen ist das offenbar auch angekommen. So lautet der Titel der letzten Shell Jugendstudie 2006: “Eine pragmatische Generation unter Druck“. Dass dieser Druck auch für junge Erwachsene durchaus real ist, zeigt sich auch an den Richtlinien der Jobcenter: Das Erreichen eines Schulabschlusses und einer Ausbildung wird nur noch bis zum 25. Lebensjahr unterstützt. Danach ist Schluss.

Was brauchen junge Erwachsene, die psychisch erkrankt sind, heute an Unterstützung, um mittelfristig ein halbwegs normales und zufriedenstellendes Leben führen zu können? Zu welchen Ergebnissen die Fachgruppe “Zwischen Baum und Borke“ bei dieser Frage kommt, soll an dieser Stelle vorgestellt und zur Diskussion darüber eingeladen werden.

Begriffsdefinition und Zielsetzung

Der Begriff der jungen Volljährigen kommt aus der Kinder- und Jugendhilfe und beschreibt die Zielgruppe junger Menschen zwischen dem 18. und 27. Lebensjahr. Das Kinder- und Jugendhilfegesetz geht davon aus, dass die Persönlichkeitsentwicklung nicht mit dem 18. Lebensjahr abgeschlossen ist, sondern legt im § 41 fest: „Einem jungen Volljährigen soll Hilfe für die Persönlichkeitsentwicklung und zu einer eigenverantwortlichen Lebensführung gewährt werden, wenn und solange die Hilfe aufgrund der individuellen Situation des jungen Menschen notwendig ist.“

Junge Volljährige, die psychisch erkranken, benötigen ihrer Altersgruppe entsprechend nicht allein Hilfestellungen zur Krankheitsbewältigung und Eingliederung in die Gesellschaft, sondern ebenso Hilfen zur Persönlichkeitsentwicklung und eigenverantwortlichen Lebensführung.

Bei dieser Zielgruppe besteht somit ein doppelter Betreuungsbedarf: Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung einerseits und bei der Persönlichkeitsentwicklung, dem Erwachsenwerden andererseits.

Äußere und innere Entwicklungsaufgaben

Junge Volljährige stehen an der Schnittstelle zum Erwachsenwerden (Postadoleszenz). Dieser Zeitpunkt ist meist verbunden mit einer Wiederbelebung alter Kindheitskonflikte. Neben den äußeren gesellschaftlich vermittelten Entwicklungsaufgaben (die Schule zu beenden, einen Beruf zu erlernen bzw. eine berufliche Orientierung zu erhalten und in der eigenen Wohnung selbstständig zu leben), sind junge Erwachsene durch ihre innere Arbeit stark beansprucht:

Auseinandersetzung mit dem eigenen veränderten sexuellen Körpererleben, mit Intimität und der Aneignung einer individuell Ausgestaltung der Geschlechterrolle;
Innere und äußere Ablösung vom Elternhaus;
Hinwendung zu Gleichaltrigen;
Finden eines (Sexual-)Partners und Schaffung eines sozialen Netzes;
Auseinandersetzung mit Autoritäten und gesellschaftlichen Normen;
Selbstwertregulation.
Komplexer Hilfebedarf

Diese Zeit der Identitätsbildung wird von psychisch erkrankten jungen Erwachsenen als zutiefst verunsichernd erlebt und bildet oft die Grundlage für akute Krisen oder die Verfestigung seelischer Störungen. Auch komplexe, teilweise jugendpsychiatrische Störungsbilder treten oft auf, wie psychotische Episoden, suizidales und selbstverletzendes Verhalten, Depressionen, heftige aggressive Durchbrüche, dramatische Suizidversuche, dissoziales Verhalten, all dies gepaart mit heftigem Substanzmittelgebrauch. Die jungen Volljährigen leiden oft auch aufgrund ihres sozialen Hintergrunds an tiefgreifenden Bindungsstörungen sowie fehlender Krankheitseinsicht. Es besteht also ein komplexer Hilfebedarf an pädagogischer, schulischer, berufsorientierender, psychologischer und medizinischer Unterstützung.

Konzeptionelle Erfordernisse und notwendige Kompetenzen

Diese Konstellation stellt besondere Anforderungen an ein Betreuungskonzept und fordert den Betreuern/innen hohe Kompetenzen ab. Betreuer/innen benötigen für die Arbeit eine pädagogisch-leitende „fordernde und fördernde“ und eine therapeutisch-haltende und versorgende Haltung, um bei der Persönlichkeitsentwicklung und Krankheitsbewältigung begleiten zu können. Sie müssen um die aktuellen Rahmenbedingungen des Aufwachsens, der Bildung, der Förderung (und ihre Begrenzungen) wissen.

Die Betreuer/innen, bzw. das Team brauchen spezielle Kenntnisse zum Thema Bildung (Ausbildungsmöglichkeiten, Voraussetzung zum Bewerben bei Schulen, Fachhochschulen etc.). Sie sind notwendig, damit sich Klienten/innen, wenn auch auf Umwegen, doch noch beruflich qualifizieren zu können. Qualifikation stärkt das psychische Wohlbefinden von jungen Menschen (s. IAB-Forschungsbericht 13/2007). Das gilt insbesondere auch für junge Menschen, die psychisch erkrankt sind. Mit diesem Wissen der Betreuer gilt es, Räume für Entwicklung zu lassen, wie auch harte Realitäten mit den jungen Erwachsenen in den Blick zu nehmen.

Gestuftes Wohnangebot

Junge Erwachsene benötigen ein gestuftes und flexibles Betreuungssystem von Plätzen in therapeutischen Wohngruppen (TWG) und im betreuten Einzelwohnen (BEW), um aus dem Schutz der TWG heraus den Sprung in die eigene Wohnung zu schaffen. Umgekehrt kann bei zunächst nicht gegebener Gruppenfähigkeit eine entsprechende Kompetenz zunächst im BEW angeeignet und dann noch einmal in der TWG mehr Nähe, Halt und Geborgenheit geholt sowie die Möglichkeit der Nachreifung genutzt werden. Sie benötigen die Gruppe der Gleichaltrigen für den Prozess des Erwachsenwerdens, für das Ausprobieren eigener Rollenentwürfe, für den Erwerb sozialer Kompetenzen, insbesondere für die Ablösung von der Ursprungsfamilie, für den Aufbau eines eigenen sozialen Netzes und für die Suche nach einem potenziellen Liebespartner.

Erwachsenwerden auf Probe

Da in der Regel der Ablösungskonflikt von der Ursprungsfamilie nicht bewältigt ist, gehört zur Betreuungsarbeit die Auseinandersetzung mit dem Thema Familie bzw. dem Familiensystem. Die berufliche Perspektive muss geklärt und erprobt werden, ebenso wie das eigenständige Wohnen. Es muss auch von der Einrichtung eine Ablösung erfolgen, auch wenn klar ist, dass eine weitere Betreuung im Erwachsenenbereich notwendig ist, um Bindung und Trennung zu erproben.

Da die pädagogisch-therapeutische Zielsetzung auch im Aufbau einer Lebensperspektive besteht, hat sich die Vernetzung von beratenden, betreuenden, rehabilitativen und therapeutischen Angeboten als wirksame Methode erwiesen.

Der Arbeitskreis freut sich über Anregungen, Fragen, Kritik und Kommentare.

Werner Schilling

Kontakt:
Sozialtherapeutisches Hilfswerk e.V.

Quelle:http://www.paritaet-berlin.de
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