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Rückzug vor inneren Stimmen
Manfred aus Bern hat eine Psychose. Die Krankheit kommt in Phasen, sodass der junge Mann immer wieder in die Psychiatrie eingewiesen wurde. Eines Tages wollte er nicht mehr. Manfred wehrte sich dagegen, immer wieder mit Medikamenten ruhig gestellt zu werden. "Eine Psychose ist ein Entwicklungsprozess, den muss man durcharbeiten", sagt er heute.

Eine Betreuerin erzählte ihm von einer Alternative zur Klinik, der sogenannten Soteria. Manfred ergriff die Chance und blieb dort ein ganzes Jahr. "Da musste man nicht so schnell wie möglich wieder gesund werden und funktionieren", sagt er rückblickend.


Anfangs ging es auch da nicht ohne Medikamente. "Aber dann fühlte ich mich beschützt wie in einer guten Familie und man ließ mir Zeit, meinen Weg zu finden", berichtet er. "In guten Phasen konnte ich sogar anderen helfen, ihre akute Krise durchzustehen. Ich habe meine Krankheit akzeptiert und muss mich nicht verstecken."

Der Begriff "Soteria" kommt aus dem Griechischen und heißt soviel wie "Geborgenheit" - oder Rettung und Sicherheit. Er wurde zu einem Markenzeichen für eine Psychose-Therapie, die sich vor allem an den subjektiven Bedürfnissen von psychisch kranken Menschen orientiert.

Die Idee wurde in den 60er Jahren von dem US-Psychiater Loren R. Mosher (1933-2004) entwickelt. Der Ärztliche Direktor der Sozialpsychiatrischen Universitätsklinik Bern, Luc Ciompi, führte das Verfahren 1984 in Europa ein. Es handelt sich dabei um eine kleinere Wohngemeinschaft außerhalb der Klinik, die sich durch besonders patientenorientierte Behandlungs-Elemente auszeichnet. Dazu gehören ein behutsamer Einsatz von Medikamenten in Absprache mit den Patienten, die kontinuierliche Betreuung der Kranken durch eine feste Bezugsperson, ein entspannendes Behandlungsmilieu und die Einbeziehung von Angehörigen, falls das gewünscht wird.

Ciompi führte in Bern das sogenannte "weiche Zimmer" ein, einen reizabgeschirmten, mit Kissen, Decken und Matratzen freundlich ausgestatteten, abdunkelbaren Raum, Hierher können sich psychotische Patienten zurückziehen, wenn sie in akuten Krisen unter Ängsten und Verfolgungswahn leiden oder von inneren Stimmen und Bildern heimgesucht werden.

Der Unterschied zur herkömmlichen Psychiatrie liegt auf der Hand. Diese sollte zwar auch ein Rückzugsraum für Kranke sein, die im Alltag nicht mehr klarkommen und stabilisiert werden möchten. Im Klinikalltag ist es aber meist doch ein lauter, mitunter lärmender und hektischer Großbetrieb, in dem kein Therapeut so viel Zeit für Patienten in Krisensituationen hat, wie es nötig wäre. Und Medikamente sind häufig immer noch die Therapie Nummer Eins, die gelegentlich sogar zwangsweise angewendet wird.

Genau an diesem Vorrang der medikamentösen Behandlung scheiden sich denn auch die Geister. Sicher gilt: Wer Medikamente bekommt und sie gut verträgt, sollte sie nicht eigenmächtig absetzen, da dies nicht absehbare Folgen haben kann. Bei schlechter Verträglichkeit oder unzureichender Wirksamkeit wird aber unter dem Druck möglichst kurzer Krankenhaus-Verweildauer oft zu schnell mit immer neuen Präparaten und Dosierungen herumexperimentiert.

Der Patient empfindet seine Gefühlswelt dann zwar nicht mehr als bedrohlich, erlebt sie aber oft gar nicht mehr - er fühlt sich wie ein Zombie. Medikamente ohne Bemühen um den Zugang zu den Ängsten und Schreckensbildern der Betroffenen - das ist, als wenn man Fieber unterdrückt, ohne nach der Ursache zu fragen.

In der Soteria dagegen wird auf Menschen in akuten Krisen so behutsam und intensiv eingegangen, dass Medikamente in der Regel wesentlich niedriger eingesetzt werden können - bei gleichem Behandlungserfolg. Jeder Zwang ist tabu. Der Aufenthalt in der Soteria - manchmal reichen vier Wochen, selten ist auch mal ein ganzes Jahr erforderlich - soll ein möglichst verlässliches Alltagsleben darstellen und die Betroffenen so weit stabilisieren, dass sie auch "draußen" wieder angstfrei leben können. Es geht darum, psychotische Schübe nicht herunter zu medikalisieren, sondern sie in geschützter Umgebung aufzuarbeiten, um danach zur Ruhe zu kommen.

In der Wohngemeinschaft der Soteria wird geübt, mit Pflichten und Verantwortung umzugehen, dabei besteht immer eine Atmosphäre der Akzeptanz, Wertschätzung, Wärme und Förderung, eine Art nachholender Erziehung aus der Kindheit, in der normalerweise die Wurzeln für Bindung und Selbstwirksamkeit gelegt werden sollten. Behandelt wird bedarfsweise mit Elementen aus der Verhaltens-, Gestalt- und Körpertherapie, mit analytischen und sozialpsychologischen Ansätzen, Familien- und Pharmakotherapie. Im Mittelpunkt steht jedoch immer das mitmenschliche Dabeisein.

Die Soteria Bern gibt es seit mehr als 20 Jahren. In Deutschland hat sich Vergleichbares aber noch nicht durchgesetzt. Die erste deutsche Soteria in Frankfurt an der Oder scheiterte nach einer Modellprojektphase an der fehlenden Bereitschaft der Krankenkassen, diese Behandlungsform zu finanzieren. Ähnliche Projekte in Zwiefalten und München-Haar befinden sich auf dem Klinikgelände, was nicht ganz das ist, was Ciompi wollte, denn Klinik bleibt eben Klinik und ein Stigma entsteht schnell. Einige Kliniken zum Beispiel in Gießen, Hohemark bei Frankfurt und Friedberg (Hessen) versuchen, Elemente des Soteria-Konzeptes in die stationäre Behandlung zu integrieren. Das "Weglauf-Haus" in Berlin-Reinickendorf ist eher ein Anti-Psychiatrie-Projekt - hier finden kranke Menschen Zuflucht, die auf keinen Fall in eine Klinik wollen oder es dort nicht mehr aushalten.

In Frankfurt am Main versucht der niedergelassene Psychiater Wolfgang Hasselbeck seit elf Jahren, eine Soteria zu gründen. Die Nachfrage ist groß, das Konzept wird nirgendwo abgelehnt, aber bisher eben auch nicht tatkräftig gefördert. "Dies dem Geist der Stadt zuzuschreiben - Mainhattan oder Bankfurt - wäre falsch", sagt Hasselbeck. "Unser Gesundheitssystem muss begreifen: In der Soteria sind zwar die Personalkosten höher, aber die Betriebskosten und der Medikamentenverbrauch niedriger, die Wiederaufnahme seltener. Und die Soteria ist keine Insel der Glückseligkeit, sondern durchaus auch Konfrontation, allerdings in wertschätzenden Strukturen."

Während also die Patienten in Frankfurt am Main weiter auf eine Soteria warten, ist Manfred in Bern weiter. Er hat geheiratet und arbeitet als Fahrer für Behindertentransporte. Wie empfindet er heute die Zeit in der Soteria? "Man wird nicht gleich in einer Schublade gesteckt und bekommt ein Etikett drauf", sagt er.

Informationen
Soteria für Frankfurt
Dr. med. Wolfgang Hasselbeck
Rotlintstr.13
60316 Frankfurt
Tel.: 0 69 / 43 65 758

Internet: www.soteria-netzwerk.de

Buchtipps:

Luc Ciompi, Holger Hoffmann, und Michel Broccard: Wie wirkt Soteria? Verlag Huber, Bern 2001, 29,95 Euro.

Elisabeth Aibi, Luc Ciombi (Hrsg.): Soteria im Gespräch. Psychiatrie Verlag, Bonn 1993, vergriffen.

Quelle: http://www.fr-online.de
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