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Interview veröffentlicht am 15.11.2007
Interview
Inneres Gleichgewicht aus dem Lot
Dr. Mario Herrlich zu Schizophrenie und Umgang mit psychisch Kranken

Die Veranstaltung „Irre Nächte in Thüringen – Psychiatrie im Film“ fand viel Resonanz. Freies Wort-Redakteurin Gabi Hoffmann sprach danach mit Dr. med. Mario Herrlich, Oberarzt Akutpsychiatrie im Fachkrankenhaus Hildburghausen.

In welchem Alter tritt denn Schizophrenie auf?

M. Herrlich: Die so genannte Ersterkrankung findet meist zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr statt, selten später. Weltweit sind ca. 60 Millionen Menschen (ca. ein Prozent der Bevölkerung) aller Kulturen und sozialen Schichten an einer schizophrenen Psychose erkrankt. Sie kann sich schleichend entwickeln, kann sich aber auch plötzlich innerhalb weniger Wochen oder sogar Tage zeigen. Was genau die Auslöser sind, ist noch nicht ganz geklärte Vererbung oder Stress, z.B. positiver Stress, wie große Freude, aber auch negativer, wie tiefe Trauer, spielen wahrscheinlich eine Rolle. Sicher ist jedoch, dass sie zu den sensibleren Menschen gehören, bei denen das innere Gleichgewicht nicht so stabil ist, wie bei anderen Menschen. Stresssituationen können daher dieses innere Gleichgewicht und damit den Hirnstoffwechsel leicht aus dem Lot bringen und so eine schizophrene Psychose auslösen. Ein wichtiges Erklärungsmodell geht davon aus, dass im Gehirn der Dopamin-Stoffwechsel gestört ist. Dopamin ist ein so genannter Neurotransmitter, eine Substanz, die im Gehirn als Botenstoff fungiert. Durch diese Botenstoffe tauschen die Zellen des Gehirns untereinander Informationen aus. Die medizinische Forschung ist weiter dabei, die Auslöser und Zusammenhänge zu untersuchen. Vieles wurde schon entdeckt, Medikamente stehen zur Verfügung.

Gibt es ein besonderes Risiko an ihr zu erkranken?

M. Herrlich: Ein Teil der Antwort auf diese Frage geht bereits aus der Beantwortung der vorherigen hervor. Ich möchte aber trotzdem auf das große Risiko von psychotropen Substanzen (Drogen) hinweisen.

Ist Schizophrenie vererbbar?

M. Herrlich: Heute wissen wir, dass Erbvorgänge auch bei der Verursachung einer schizophrenen Erkrankung eine gewisse Rolle spielen. Kinder, in deren näherer Verwandtschaft bereits schizophrene Erkrankungen vorkommen, tragen ein höheres Risiko, ihrerseits im Laufe eines Lebens eine Schizophrenie zu entwickeln. Vererbt wird allerdings lediglich eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, irgendwann selbst krank zu werden.

Gibt es Heilungschancen?

M. Herrlich: Grundsätzlich muss man sagen, dass die Betroffenen die Veranlagung, an einer Schizophrenie zu erkranken, weiter in sich tragen. Behandelt und Einfluss genommen wird auf die akute Symptomatik bzw. die chronischen Symptome. Katamnese-Studien haben die Kenntnisse über Langzeitverläufe und deren Vielgestaltigkeit erweitert und präzisiert. In den wesentlichen Ergebnissen stimmen alle Untersuchungen überein. Es lassen sich etwa 10 bis 12 Verlaufstypen finden. Eine Faustregel besagt, ein Drittel wird vollständig geheilt, ein Drittel hat leichte Residuen und ein Drittel schwere chronifizierende Verläufe. Die Zahlen der Verlaufsstudien lassen aber auch eine andere Einteilung zu: Ein Viertel aller Betroffenen zeigt eine vollständige Heilung, etwa die Hälfte leichte bis mittlere und etwa ein Viertel schwerere Residuen. Die soziale Heilungsquote, gemessen an voller Erwerbstätigkeit, liegt nach jahrelangem Verlauf bei 56 Prozent, von diesen sind zwei Drittel auf früherem Niveau beschäftigt.

Verhält sich ein Mensch auffällig und der Verdacht besteht, dass eine geistige Störung vorliegt – wie sollte das Umfeld reagieren?

M. Herrlich: Ich möchte noch mal eindeutig sagen, dass es sich bei der schizophrenen Psychose nicht um eine Geisteserkrankung im Sinne einer De-menz handelt. Zwar treten bei einer Schizophrenie auch kognitive Beeinträchtigungen auf, jedoch sind diese unter einer medikamentösen Therapie wieder heilbar. Es ist immer wichtig, bei bestehendem Verdacht auf eine schizophrene Erkrankung als Angehöriger oder Freund das Vertrauen des Betroffenen zu gewinnen und ihn langfristig zu motivieren, einen Facharzt für Psychiatrie aufzusuchen. Dieser wird den Betroffenen eingehend untersuchen, auch organische Ursachen, die durchaus ähnliche Symptome auslösen können, ausschließen, und erst dann die Diagnose stellen und einen Therapieplan mit ihm vereinbaren.

Ist der Betroffene verpflichtet, Arbeitgeber oder Vermieter Kenntnis von seiner Krankheit zu geben?

M. Herrlich: Der Betroffene ist grundsätzlich nicht verpflichtet, dem Arbeitgeber oder Vermieter Kenntnis von seiner Krankheit zu geben. Es ist aber zu beachten, dass bestimmte Medikamente die Reaktionsfähigkeit derart einschränken, dass manche Tätigkeiten, wie z. B. Autofahren oder Arbeiten an laufenden Maschinen vorübergehend nicht möglich sind. In so einem Fall muss der Betroffene auf seinen Arbeitgeber zugehen, um bei einem möglichen Unfall nicht seinen Versicherungsschutz zu verlieren.

Könnte eine Selbsthilfegruppe wirksame Unterstützung geben?

M. Herrlich: Selbsthilfegruppen gehören zu den wichtigen Ansprechpartnern für schizophren Erkrankte. Hier können Fragen und Hinweise ausgetauscht und kann nach Lösungen gesucht werden. Die Betroffenen fühlen sich im Rahmen der Selbsthilfegruppen angenommen und ausreichend wertgeschätzt, was bei der Erkrankung sehr wichtig ist.

Stimmt es, dass nach der Wende psychische Krankheiten zunahmen?

M. Herrlich: Diese Frage ist schwer zu beantworten, da verschiedene Faktoren eine Rolle spielen. In den letzten Jahren ist die Akzeptanz psychischer Erkrankungen durchaus größer geworden, so dass Betroffene sich eher an Fachleute wenden und Diagnosen häufiger gestellt werden. Natürlich ist es nicht abzustreiten, dass durch die neue soziale Situation nach der Wende der Druck auf die Bevölkerung größer geworden ist, und wie wir wissen, werden psychische Krankheiten häufig durch anhaltenden Stress ausgelöst. Nicht zu vergessen ist, dass insbesondere nach der Wende die Belastungen durch zahlreiche soziale Umbrüche zunahmen, was sicherlich auch zur Zunahme von psychischen Erkrankungen führte. Nicht zuletzt muss die zunehmende Suchtproblematik, insbesondere bei Drogen, erwähnt werden.

Wenn Medien etwas über Schizophrenie berichten, dann meist in Zusammenhang mit Mord und Totschlag. Sind schizophrene Menschen gewalttätiger?

M. Herrlich: Mit dieser Problematik wird sich immer wieder beschäftigt, es existieren wohl Studien mit unterschiedlichen Ergebnissen. Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass schizophren Erkrankte, mit Ausnahme mancher Wahnkranker, nicht gewalttätiger sind als nicht Erkrankte.

Erschienen am 15.11.2007 00:00

Quelle: http://www.freies-wort.de/nachrichten/regional/hildburghausen/hildburghausenlokal/art2480,734308
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