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Stigma: Psychische Erkrankung
Stigma: Psychische Erkrankung

Es kann jeden treffen wie ein Blitz aus heiteren Himmel: Die Welt erscheint schwarz, das Leben sinnlos, die Arbeit überfordernd. Wer dann - meist sehr spät - Hilfe holt, ist von der Diagnose des Arztes geschockt: Depression oder Burnout - das kann mir doch nicht passieren! Was sagen jetzt die Kollegen oder Freunde? Menschen mit seelischen Erkrankungen sind in der Gesellschaft stigmatisiert.

In dieser Woche nun findet in Berlin die erste Woche der seelischen Gesundheit statt. Thomas Prinzler informiert:

Angst, Depression, Sucht, Nervosität - das sind seelische Erkrankungen, die von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden. Doch die Zahlen sind erschreckend: Jede zweite Frau und jeder dritte Mann in der Bundesrepublik erkrankt im Laufe des Lebens an einer psychischen Störung. Dr. Iris Hauth, Psychiater und Direktorin des Sankt Josephs Krankenhauses in Berlin-Weißensee. "Deutschlandweit gibt es über vier Millionen depressive Menschen, deutschlandweit gibt es über sieben Millionen Menschen, die unter einer Angststörung leiden. Es gibt 1,5 Millionen Menschen, die abhängig sind von Alkohol, Nikotin und anderen Drogen - die möchte ich hier gar nicht weiter benennen. Und es gibt mittlerweile auch über eine Millionen Menschen, die an Demenz erkrankt sind - auch mit ansteigender Tendenz. Denn die Menschen werden ja immer älter und damit werden auch natürlich die Erkrankungen mehr."

Psychische Erkrankungen sind für die meisten immer noch unheimlich, jeder hat Bilder aus der so genannten Irrenanstalt mit Zwangsjacke und Gummizelle im Kopf, Vorurteile wie die sind gefährlich, oder der hat ja eine Macke, oder die ist selbst schuld, dass sie trinkt, sind fest verankert. "Das heißt, selbst wenn man heute mit Stolz die Kliniken zeigen kann an 'Tagen der Offenen Tür' - die Menschen, die kommen, sind erstaunt, dass dort keine Zwangsjacken oder Isolationsräume mehr vorhanden sind, sondern dass alles dort sehr freundlich aussieht. Trotz allem ist psychische Erkrankung nach wie vor mit einem Odium des Unheimlichen, des Ängstigenden versehen", sagt Professor Wolfgang Gaebel, Vorsitzender des Aktionsbündnisses für Seelische Gesundheit, das diese Aktionswoche veranstaltet - rund um den morgigen Welttag für seelische Gesundheit.

In Vorträgen, Filmen, Diskussionen, Symposien, 'Tagen der Offenen Tür' präsentieren sich in dieser Woche Kliniken, Beratungsstellen, Praxen und Verbände. Damit, so Dr. Iris Hauth, "Aufklärung gemacht wird, aber auch Entängstigung. Entängstigung von Menschen, die bisher noch nicht betroffen waren."

Aber auch Betroffene selbst und ihre Familien sind dabei, betont Eva Straub, die Vorsitzende des Bundesverbandes der Angehörigen Psychisch Kranker: "Samstag, den 13. Oktober findet ein Selbsthilfetreffen aller in der Bundesrepublik angesiedelten Selbsthilfegruppen und Vereine und Organisationen im Rahmen der Psychiatrie statt, d. h. aus Selbsthilfegruppen von Depressiverkrankten oder Borderline-Erkrankten oder schizophren Erkrankten. Alle die sind an diesem Selbsthilfewerkstatttag zugegen."

Übrigens auch aus volkswirtschaftlichen Gründen kommt es darauf an, sagen die Experten, den psychischen Erkrankungen größere Aufmerksamkeit zu widmen: Allein an direkten Kosten entstanden den Krankenkassen beispielsweise im Jahre 2004 knapp 23 Milliarden Euro, fast zehn Prozent der Fehltage bei den aktiv Berufstätigen gehen auf Erkrankungen der Psyche zurück. Die Tendenz ist steigend wie auch die Zahl der Erkrankungen, die seit Mitte der 90er Jahre um 70 Prozent anstieg.

Auch deshalb unterstützt der Berliner Senat die Aktionswoche - zumindest ideell. Katrin Lompscher, Gesundheitssenatorin: "Ich gehe davon aus, dass die Woche insgesamt einen wichtigen Beitrag leisten wird, Vorurteile und Informationsdefizite abzubauen. Das halte ich auch für dringend erforderlich. Und deshalb hoffe ich, dass viele Berliner dieses Angebot nutzen werden, das im Rahmen dieser Aktionswoche offeriert wird. Und dass wir einen Beitrag dazu leisten, dass der Umgang mit seelischen Erkrankungen humanisiert wird."
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