Artikel Navigation
 
Botschaft aus der anderen Welt
Botschaft aus der anderen Welt

VON RENATE KINGMA



Der U-Bahn-Schubser von Berlin machte Schlagzeilen. Der junge Mann hatte einen anderen vor einen Zug gestoßen. Später sagte er, eine innere Stimme habe ihn dazu getrieben. Für solche Aussagen gibt es fast immer mildernde Umstände. Denn Stimmen-Hören ist für Justiz und Psychiatrie Symptom für eine Psychose.


Oft ist es das tatsächlich. Aber es gibt auch Stimmenhörer, die noch nie in der Psychiatrie waren und sich mit ihren Stimmen arrangiert haben. Andere wurden eingewiesen, mit Medikamenten behandelt, die Psychose ging zurück, die Stimmen blieben. Um damit besser fertig zu werden, hat sich vor Jahren eine internationales Netzwerk gegründet, das mit erheblicher Verzögerung auch in Deutschland Fuß gefasst hat. Das "Netzwerk Stimmenhören" in Berlin betreut inzwischen mehr als 20 Gruppen in der Bundesrepublik.


Gründungsmitglied Monika Hofmann lehrt klinische Psychologie an der Technischen Universität Berlin. "Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass drei bis fünf Prozent aller Menschen - und das in allen Kulturen - irgendwann in ihrem Leben mal Stimmen hören", sagt sie. Bei nur einem Prozent sei dies mit einer psychischen Krankheit, meist Schizophrenie, gekoppelt. Und es gebe unter ihnen genau so viel oder so wenig Gewalttäter wie unter der Normalbevölkerung.


"Unser Netzwerk", so Monika Hofmann, "will Stimmenhörer von dem Stigma zu befreien, dass sie immer psychisch krank sind und ihnen einen Weg zeigen, wie sie ihre Stimmen ausschalten oder mit ihnen besser umgehen können." Der besondere Weg: Experten aus Erfahrung (Stimmenhörer), Experten durch Beruf (Therapeuten) und Angehörige treffen sich gemeinsam und erarbeiten individuelle Lösungen.


Manche Menschen hören Stimmen, wenn sie in eine tiefe Lebenskrise geraten oder vor einer Entscheidung stehen, wenn sie in ihrer Familie unter Druck stehen oder extremen Bedingungen - Folter oder Gefängnis - ausgesetzt sind. Sie hören eine oder mehrere Stimmen, im Kopf oder wie hinter einer Bühne, die Stimmen sprechen zu ihnen oder über sie. Manche sind wie Träume oder Visionen, manche wie strafende Götter oder Furien. Einige sind freundlich, andere verhöhnen ihre Hörer, sprechen scheinbar sinnlose Sätze oder erteilen Befehle, die Angst machen. Die Stimmen können intelligent, witzig, bedrohlich, komisch oder ironisch sein. Manche kommen den Hörern bekannt, manche unheimlich vor.



"Stimmenhören allein erfüllt noch nicht das Kriterium einer psychiatrischen Diagnose", sagt der Hamburger Psychiater Thomas Bock. "Etwa die Hälfte der Betroffenen braucht professionelle Hilfe, die anderen finden ihre eigene Balance. Imperative, also Befehle gebende Stimmen sind außerordentlich selten. Diese gilt es zu entmachten - ich höre dich, aber ich tue es nicht."


Viele berühmte Menschen haben Stimmen gehört, darunter Sokrates, Moses, Jesus, Gandhi und Johanna von Orleans. Und auch viele "normale" Menschen sprechen von ihrer "inneren Stimme". Oder es spukt ihnen eine Melodie, ein Reim im Kopf herum, den sie nicht loswerden. Manch einem geht der Streit mit einem Kollegen noch tagelang im Kopf herum, es tauchen Argumente auf, die in einer Diskussion nicht gesagt worden sind. Manch einer redet im Schlaf, in der Bibel sprechen Engel oder sogar Gott. Auch ein "Geistesblitz" ist vielleicht eine innere Stimme, die einen Weg weist.


"Stimmenhörer müssen lernen, ihre Stimmen nicht wörtlich zu nehmen", meint Monika Hofmann. "Sie enthalten oft eine Metapher, ein Gleichnis, das ihnen hilft, ihr Leben zu ändern."


Erklärungsversuche gibt es viele. Stimmenhören soll medizinische, biochemische, esoterische oder psychologische Ursachen haben, genaues weiß man nicht. Sicher ist jedoch, dass die Stimmen keine Einbildung sind, sondern durch Computertomographie als Gehirnaktivität nachweisbar sind. "Wer das nicht kennt, kann es genau so wenig nachvollziehen wie Farbenblindheit. Man muss es den Betroffenen einfach glauben", sagt die Psychologin.


Wenn solche Stimmen gefährliche Befehle erteilen, liegt allerdings oft Selbst- oder Fremdgefährdung vor. Das ist letztlich der Grund, warum Stimmenhörer in die Psychiatrie kommen. Die Psychose wird mit Medikamenten zum Abklingen gebracht, die Stimmen oft aber nicht. Was dann? Alle zwei Jahre berichten Stimmenhörer auf einem Kongress im Berliner Rathaus Neukölln, wie sie gelernt haben, damit umzugehen. In diesem Jahr findet der Kongress vom 19. bis 20. Oktober statt.


Zum Beispiel Ingrid P.: Nach traumatischen Kindheitserlebnissen kam die Psychose und mit ihr die Stimmen, mit denen sie aber inzwischen souverän umgehen kann. "Ich kann mit ihnen reden wie mit einer Freundin, kann sie wie einen ungebetenen Gast behandeln, kann ihre Botschaften entschlüsseln und mit ihnen Frieden schließen." Den Befehl "Spring aus dem Fenster" muss sie nicht mehr wörtlich nehmen, sondern kann ihn als den Rat verstehen, sich nicht mehr so zu isolieren, sondern unter Menschen zu gehen. Sie ist, wie sie sagt, "wieder Herr im eigenen Haus".


Oder Frank D.: Er litt als Kind unter dem ambivalenten Erziehungsstil seiner Mutter, fühlte sich "psychisch missbraucht", liebte die Mutter und litt unter ihr. "Wir hatten beide eine schwere Vergangenheit", sagt er heute. Er hörte die Stimme seiner Mutter und wurde zutiefst entmutigt. "Pech gehabt", "durchgefallen", "nichtsnutzig", "totgegangen", "bring Dich um", raunte die Stimme ihm zu. Er wurde in die Psychiatrie eingewiesen, weil er nachts laut dagegen anging - "geh weg, lass mich in Ruhe, ich will nicht mehr". Nachbarn hatten die Polizei gerufen. Inzwischen hat er mit der Hilfe einer verständnisvollen Therapeutin begriffen, dass dies eine Phase der Ablösung von der geliebt-gehassten Mutter war, ein Kampf mit der Kindheit, die er endlich hinter sich lassen musste, um gesund und erwachsen zu werden.


Karin R., die von ihrem Stiefvater "nicht gerade nett" behandelt worden war, litt unter Verfolgungswahn und Vergiftungsängsten. Sie hörte ihre Stimmen 24 Stunden am Tag, dreht Radio und Fernsehen auf, um sie zu übertönen. Nach einem Selbstmordversuch kam sie in die Psychiatrie, wurde mit Medikamenten und Elektroschocks behandelt, bis alle Symptome zurückgegangen waren - nur die Stimmen blieben. Auf einem Psychoseseminar des Psychologen Thomas Bock in Hamburg erfuhr sie zum ersten Mal, dass auch andere Menschen Stimmen hören, fühlte sich befreit und verstanden. Und auf einmal waren die Stimmen weg.


Viele Betroffene berichten, dass die Stimmen in ihnen wie eine Großfamilie wüten, die sich nicht einigen kann - das innere Kind, das alter Ego, der Intrigant, der egoistische Helfer, der Drückeberger, der Sturkopf, der Feigling und der ewige Verlierer. Alles Teile ihrer selbst, die sie hinter sich lassen müssen, um souverän zu werden. Andere sprechen von ihrem Schutzengel oder Gewissen und möchten sie nicht mehr missen.


"Es gibt keine allgemein gültigen Rezepte, um mit den Stimmen fertig zu werden", sagt Professor Marius Romme von der Universität Maastricht, "aber es gibt eine Reihe von erfolgversprechenden Schritten, damit fertig zu werden. Man muss lernen, offen darüber zu reden und die Muster der Stimmen erkennen. Manchem helfen Medikamente oder ein Stimmentagebuch."


Mit einem neuen therapeutischen Ansatz, dem "Voice-Dialog", helfen Psychologen den Betroffenen, ihre Stimmen besser kennen zu lernen. Sie eignen sich deren Botschaften an und deuten sie ins Hilfreiche um. So verliert der Patient seine Panik und kann das Positive herausfiltern. Bis er die Stimmen nicht mehr braucht.


Quelle: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wissen_und_bildung/aktuell/?em_cnt=1173934&em_cnt_page=1

Es wurden noch keine Kommentare verfasst.
Kommentar schreiben
Name:

Sicherheitscode:
Sicherheitscode


 
Bewertungen
Bitte logge dich ein, um eine Bewertung abzugeben.

Es wurden noch keine Bewertungen abgegeben.
 
Werbung
cleverALLNET