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Der Mann, der zuviel wusste
Karl Hans Janke


Der Mann, der zuviel wusste

© Museum des Historisch-Technischen Informationszentrums Ohne Kohle, Gas oder Diesel: die Atom-Lok des Karl Hans JankeAtom-Lok

Karl Hans (Joachim) Janke war der Erfinder des "Dreistufigen Atom-Magnetischen Blitz-Düsen-Triebwerks". Bis zum 4. November ehrt eine Ausstellung im Museum Peenemünde einen Weltraumfantasten und großen Künstler, von dem keine einzige Erfindung über das Stadium einer Entwurfszeichnung hinauskam.


Vergesst Wernher von Braun. Vergesst das ganze amerikanische Raketenprogramm. Die Reise zum Mond. Die ganze geniale Technik. Deutschland hat Spektakuläreres zu bieten - wenn auch nur auf Papier. Ganz einfach, weil keine Erfindung funktionierte. Nicht funktionieren konnte. Janke setzte die Gesetze so ziemlich aller Naturwissenschaften außer Kraft. Erdachte das Atom-Auto, die Atom-Lokomotive. Und immer wieder Raumfahrzeuge und raketenähnliche Antriebe. Karl Hans Janke war kein glücklicher Mensch. Er war psychisch krank, und sein Leiden äußerte sich vor allem in wahnhaftem Erfinden.


Der Weltraumfantast


"Chronisch paranoide Schizophrenie" lautete die Diagnose der Ärzte, die ihn im Juni 1949 untersuchten. Da war Janke fast 40 Jahre alt. Er war Einzelkind, hatte Abitur gemacht und an der Universität Greifswald ein Semester Zahnmedizin studiert. Wie aus einem angehenden Zahnmediziner ein besessener Erfinder wurde, ist nicht bekannt.


Weltenretter und großer Künstler

Fest steht: Als 1949 Jankes Mutter starb, warf ihn das so aus der Bahn, dass er in eine Nervenklinik eingewiesen wurde. Im November 1950 verlegte man Janke in die Psychiatrische Landesanstalt Hubertusburg in Wermsdorf (zwischen Leipzig und Dresden gelegen), wo er 38 Jahre lang, bis zu seinem Tod am 15. Februar 1988, in Behandlung blieb. Er lebte das Leben eines autistischen Einzelgängers, hielt sich für eine Art Weltenretter - und starb als großer Künstler.


Die Ausstellung

"Karl-Hans Janke vs. Wernher von Braun", bis zum 4. November 2007 im Museum des Historisch-Technischen Informationszentrums Peenemünde, der Eintritt ist frei

Besessen vom Glauben an ein Leben der Menschheit im Weltraum schuf Janke fast vier Jahrzehnte lang einen einzigartigen Kosmos von Maschinen und revolutionären Ideen, die sich in mehr als 4000 Zeichnungen und Modelle niederschlugen. Und was für wunderbare Zeichnungen waren das! Filigrane Kunstwerke, mit Liebe, Hingabe, Besessenheit gezeichnet auf billigstem Papier.


Pläne überlebten auf dem Dachboden

Jankes Testament war unmissverständlich formuliert: "Ich bitte, die Bilder und Alben aufzubewahren, mit den vielen Zeichnungen und Modellen, die ich für Euch Menschen geschaffen habe". Aufbewahrt wurden sie tatsächlich - in einem Dutzend alter Obstkisten auf dem Dachboden der Nervenklinik Hubertusburg. Vor sieben Jahren durchstreifte der Chefarzt der Klinik die Räume und fand seltsame Dokumente: Pläne für ein "Atom-Magnetisches Elektroden-Strahl-Triebwerk für Luft und Raumfahrzeuge", für ein geheimnisvolles "Weltall-Kugel-Projekt", eine "beheizbare Kondens-Positrode des Impuls-Strahl-Triebwerks" oder eine "Atom-Lok". Dazu bergeweise Korrespondenz.


Heimlich hatte Janke Kontakt zu Firmen und Behörden aufgenommen, an anerkannte Wissenschaftler und Institute geschrieben, seine Pläne verschickt und dem Patentamt Entwurf um Entwurf vorgelegt. Und meist hatte es seine Zeit gedauert, bis die Adressaten bemerkten, dass keine einzige Idee jenes bemerkenswerten Menschen realisierbar war. Die Genauigkeit der Konstruktionszeichnungen schien das Werk eines echten Experten zu sein. Eines Physikers oder Ingenieurs. Jedenfalls nicht das eines kranken Visionärs.


Atom-elektrischen Stabturbinen

Eine der Lieblingsideen Karl Hans Jankes war das "Raum-Trajekt". Unter einem Trajekt verstand er ein Raumfahrzeug, das keinerlei Energie verbraucht, sondern lediglich natürliche Magnetkraft als Antrieb nutzt. Zur offiziellen Anmeldung beim Patentamt beschrieb er 1954 seine Erfindung detailliert - und gewährte so ungewollt einen tiefen Einblick in seine Vorstellungswelt: "Das nach dem Prinzip früherer Luftschiffe konstruierte Raumfahrzeug 'Venusland' ist gekennzeichnet durch eine pfeilförmige Rumpfbauform mit Balanceflächen und einer Ganzmetall- oder Kunststoff-Plankenschale; ferner durch bandagierte, kältegeschützte, elektrisch erwärmbare Traggaskessel, in denen unbrennbar gemachtes Edelgas den Auftrieb erzeugt, während atom-elektrisch betriebene, peristaltisch arbeitende magnetische Hitze- oder Blitz-Impulsstrahl-Triebwerke mit vorheizbaren, hochtourigen, atom-elektrischen Stabturbinen oder Vorflutgebern die Raumluft, bzw. die raumelektronische Füllung in Fluss bzw. in Anstoß versetzen, wobei die Steuerung der Fahrzeuge im Raum durch eine magnetische Strahl-Ablenkung erfolgt."


Jan Hoet, der 1992 künstlerischer Leiter der Documenta IX war, rückt die kunstvollen Zeichnungen Jankes in die Nähe Leonardo da Vincis: "Seine Blätter sind perfekt. Man kann nichts hinzufügen, aber auch nichts wegnehmen."


Es blieb das Schicksal des Karl Hans Janke, mit seiner Umwelt nur über seine Zeichnungen und Weltraumideen kommunizieren zu können. Zeit seines Lebens fühlte er sich kerngesund - und unverstanden. In einem Manuskript zu einem wahrscheinlich 1970 gehaltenen Diavortrag bat er seine Zuhörer: "Wenn Sie jemals an Raumfahrt denken, dann bitte behalten Sie mich und meine toten Eltern in guter Erinnerung! Ich war der erste unseres Volkes, der alles hierfür fertig stellte. Und sagt dann recht schön DANKE, das hast Du uns geschenkt, Karl Hans Janke."


Artikel vom 23. Juni 2007


Quelle: www.stern.de/unterhaltung/ausstellungen/:Karl-Hans-Janke-Der-Mann%2C/591626.html

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