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Singen gegen Dämonen
Singen gegen Dämonen


Das Leben des Musikers und Zeichners Daniel Johnston gehört zu den bestdokumentierten überhaupt. Davon profitiert Jeff Feuerzeigs Filmporträt des hoch begabten Monomanen.

Von Reto Baumann


Daniel Johnstons Ausstoss ist unmässig, seine Sammelwut manisch. Tausende von Tagebuchkassetten, Super-8-Filmen, Zeichnungen, Bilder und Lieder umfasst das Schaffen des kreativen Wunderkinds seit der Teenagerzeit. Den Zoff daheim im christlich-fundamentalistischen Haus hat Johnston ebenso auf Tonband festgehalten wie seine Verhaftung bei der Freiheitsstatue, deren Aufgang er mit religiösen Graffiti überzogen hat.


Ein Slapstickfilm zeigt ihn als Zehnjährigen beim symbolischen Muttermord (heute lebt er wieder bei den Eltern), Zeichnungen zeigen Boxer mit aufgeschnittenen Köpfen oder eine Entenarmee, die gegen den Teufel kämpft. Auch in seinen herzzerreissenden Liedern singt er öfter vom Satan. Nur seiner ewigen Liebe Laurie hat Johnston mehr Songs gewidmet. Die aber hat ihm einen Begräbnisunternehmer vorgezogen.


Independent-Music-Amerika kennt den fanatischen Beatles-Fan Johnston seit Mitte der Achtzigerjahre. Sonic Youth zählten zu seinen Förderern, Kurt Cobain hielt wochenlang ein Johnston-Shirt in die Kameras, Tom Waits und Beck coverten ihn. Der grosse Durchbruch blieb ihm aber verwehrt. Immer wieder landete Johnston wegen Schizophrenie und manischer Depression in der Nervenheilanstalt. Im Wahn wollte er einer alten Dame schon mal die Dämonen austreiben, oder er brachte ein Sportflugzeug zum Absturz, weil er glaubte, fliegen zu können wie Casper, das freundliche Gespenst. Der Film (englisch ohne Untertitel), der das reiche Archivmaterial um Interviews mit Familie und Wegbegleitern sowie Konzertausschnitte ergänzt, scheut schmerzhafte Momente nicht und gerät doch nie zur Freakshow. Allerdings blickt er bisweilen gar fasziniert auf Johnstons Paralleluniversum; er scheut sich auch nicht zu behaupten, Johnston sei «grösser als Bob Dylan» und «bedeutender als Brian Wilson». So übertrieben das ist - seineneigenen Film hat Daniel Johnston allemal verdient.


[ZT 20.06.2007]
Doku
Kino/Lot: The Devil and Daniel Johnston
Regie: Jeff Feuerzeig
USA 2006; 110 min.

Web: http://www.hihowareyou.com




Genialer Grenzgänger: Wenn Daniel Johnston nicht in der Klapsmühle ist, macht er aus seinem Paralleluniversum Kunst.

Quelle: http://www.zueritipp.ch/dyn/kino/?eid=266385&aid=763766®ion=1

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