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Therapie für die Zuschauer
Therapie für die Zuschauer
Von Anne Reinert

Osnabrück.


Eigentlich hat Lily, was sie haben will. Schutz und Geborgenheit. Doch jetzt wird es ihr zu eng. Sie flüchtet. Lily kann sich nicht zwischen ihren widersprüchlichen Gefühlen entscheiden. Zwischen Liebe und Hass. Zwischen Leben und Tod. Lily leidet, im psychologischen Fachjargon ausgedrückt, unter dem Borderline-Syndrom.


Nach einem Selbstmordversuch wird sie in die Psychiatrie eingewiesen - und trifft auf eine Reihe weiterer junger Menschen, die ihre Probleme haben. Bewacht werden die Patienten von Anstaltsleiterin Dr. Wick (Beatrice Nulle) und Chefarzt Dr. Thomas Melvin (Severin Ole Semon) sowie Schwestern und Pflegern, die alle auf ihre eigene Art mit den Patienten umgehen.
Vorbild von "Wenn Klötze verrückt werden" ist der Film "Durchgeknallt" nach dem Buch "Girl, interrupted" von Susanna Kaysen. Doch der Jugendclub Mania, der das Stück jetzt zum ersten Mal im emma-theater zeigte, hat unter der Regie von Theaterpädagogin Anja Deu etwas Eigenes daraus gemacht.


Die Jugendlichen gehen ganz in ihren Rollen auf. Lilys Trauer ist dank Cosima Brocks toller Leistung mühelos zu erspüren. Sie schafft es auch, die Ambivalenz ihrer Figur, die immer nett und wohlerzogen daherkommt, die aber alles andere als immer gütig ist, zu übermitteln. Beängstigend gut ist auch Julia Urgatz als Lisa, die ihren Mitmenschen gnadenlos mitteilt, was sie über sie denkt. Und sich scheinbar nicht daran stört, wenn sie sie damit zutiefst verletzt.


Nett geht es in der Psychiatrie nicht zu. Gegenseitig be- und misshandeln sich diese Patienten zuweilen arg. Rücksicht vor eventuellen Schäden gibt es da nicht. Fritzi etwa, die sich wahllos mit Tabletten vollstopft, geht ihre Mitpatienten hart an - genau wie sich selbst, wenn sie sich verletzt. Gianna Brenner kann in der Rolle überzeugen - auch als Fritzi ausnahmsweise erstaunlich leise daherkommt.


Zu diesen Figuren gesellen sich die essgestörte Jeanette (Katharine Mosene), Ordnungsfanatikerin Frieda (Olga Junker), die überbrave Daisy (Josephine Doornbos), die sich nicht wehren kann, und all die anderen. Gelungen ist auch die Liebesgeschichte zwischen der ängstlichen Naomi (Stefanie Möller), die lieber ihre Puppe Yvette sprechen lässt, und dem schizophrenen Norbert (Alex Herdt).


Die Jugendlichen zeigen keine Berührungsscheu mit den Abgründen ihrer Rollen. Im Gegenteil: Sie scheinen sich damit so gut identifizieren zu können, dass das Stück schon zu einer kleinen Therapie für die Zuschauer wird. Anja Deu hat ihren jungen Schauspielern viel Raum gegeben, sich auf ihre Figuren einzulassen und so völlig ungekünstelt spielen zu können.


Quelle: http://www.neue-oz.de/information/noz_print/feuilleton/16778048.html?SID=0e97f6f8e8ba4e8e2ca999124454cd60

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