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Keine Kunst für langweilige Sonntage
Keine Kunst für langweilige Sonntage


Im Atelier des Kulturzentrums Eichberg können Patienten ihre künstlerische Persönlichkeit entfalten

Atelier Kulturzentrum EichbergDie "Kommunikationsstation" für kreative Köpfe: Helmut Mair (hinten rechts) im Atelier des ZSP Rheinblick.
RMB/Margielsky

Vom 06.06.2007


ELTVILLE Eine Besonderheit des Kulturzentrums Eichberg ist das Atelier, in dem Patienten ihre kreativen Fähigkeiten frei entfalten können. In unserer heutigen Folge der "KulTour"-Serie, die Veranstaltungsstätten im Rheingau vorstellt, werfen wir einen Blick in die KUZ-Werkstatt.

Von

Angelika Eder


"Willkommen in diesem kreativen Chaos voller angefangener Arbeiten, leerer Kaffeetassen, voller Aschenbecher!" Helmut Mair, ein ungewöhnlicher Künstler, der zugleich als Krankenpfleger arbeitet, freut sich über Besucher in einem ebenso ungewöhnlichen, offenen Atelier: dem des Wohn- und Pflegeheims im Zentrum für Soziale Psychiatrie (ZSP) Rheinblick. Die langgezogene Halle in Haus 6 bietet an der Kopfseite eine "Kommunikationsstation" mit bemaltem Tisch, gemütlichem Sofa und Bücherregal inklusive Kaffeemaschine.


Hier trifft Mair sich mit den Patienten, denen er einen Ort bieten will, an dem sie sich in ihrer aktuellen Verfassung ausdrücken können. In der Mal- und Zeichen-, Skulpturen- und Druckwerkstatt soll ihnen die Möglichkeit "zur Entwicklung der künstlerischen Persönlichkeit durch die Erarbeitung einer individuellen Formensprache" eröffnet werden. So stehen unter anderem Malwand, Tische zum Zeichnen an der Fensterfront sowie Farben und Stifte in Hülle und Fülle zur Verfügung. Ein Teil dessen, was sie etwa zu Papier bringen, hängt an den Wänden. Da ist eine Serie vom "Kleinen Prinzen auf dem Weg zu einem anderen Planeten" ebenso zu sehen wie brave Blumenmotive oder die Collage mit einem strangulierten Plastiktier im Leopardenpantoffel unter blauem Müllsack und der Aufschrift: "Hurra, es ist ein Junge!"


Im Mittelpunkt steht hier die "Art brut", was übersetzt "rohe, ungeschliffene Kunst" bedeutet, ein Begriff, der 1945 vom französischen Maler Jean Dubuffet geprägt wurde. Mair erklärt die Werke in der Werkstatt auf dem Eichberg als "Outsider-Art im außerakademischen Bereich, von kranken Menschen geprägt". Diesbezüglich betont er allerdings, dass nicht die Therapie im Vordergrund stehe, auch wenn das Arbeiten im Atelier manchmal therapeutisch wirke. So spiele nicht nur der Prozess eine wichtige Rolle, sondern ebenso das Ergebnis. Diesbezüglich unterscheide er zwischen ausstellungsreifen Werken und solchen, die man nicht zeigen müsse. "Jede Ergotherapie macht heute ihre eigene Ausstellung", bedauert Mair die Tendenz, ungefiltert alles der Öffentlichkeit zu präsentieren, was kranke Menschen produzierten. Aber damit erzeuge man höchstens einen Mitleidseffekt und trage nicht zur Integration der Betroffenen bei. Schließlich sei nicht jeder Patient ein Künstler, nicht jedes Produkt ein Kunstwerk.


Er habe während seiner Arbeit im ZPS Rheinblick seit 1996 etwa 15 bis 20 Menschen kennen gelernt, bei denen "mehr Ausdruckskraft dahinter steckt". Ziel seiner Arbeit als Leiter des offenen Ateliers sei neben der Förderung der Heimpatienten, der Öffentlichkeit Arbeiten vorzustellen, die Einblicke in bestimmte gesellschaftliche Situationen, etwa in Bereiche der Psychiatrie zeigten und somit zu einer ständigen Erneuerung beitrügen. Zwecks Integration der von ihm künstlerisch Betreuten bemüht sich der 44-Jährige in dem Atelier um möglichst viel Normalität, und deshalb öffnet er das Atelier an drei Tagen in der Woche für Besucher.


Diese können übrigens auch die Werke von Helmut Mair selbst sehen, der auf dem Eichberg in Haus 6 sein eigenes Atelier hat. Der Künstler, 2005 mit dem Kulturpreis des Rheingau-Taunus-Kreises ausgezeichnet, arbeitet eigenen Worten zufolge völlig anders als die Patienten. Sie setzten sehr direkt um, während er gedanklich zum Bild komme: "Ich reflektiere, was Bilder mit uns machen." Den Hinweis seiner Gesprächspartnerin, dass einige der Werke, etwa der sich über die gesamte Wandhöhe erstreckende Kopf eines jungen Mannes bedrohlich wirkten, kommentiert er schulterzuckend mit einer Vorhaltung, die man einst Impressionisten machte: "Wiesbaden ist eben die Stadt `des gelangweilten Sonntagnachmittags`."


Das Atelier des Wohn- und Pflegeheims im ZSP Rheinblick, Haus 6 (gegenüber vom KUZ) ist Mittwoch und Freitag von 13 bis 18 Uhr und Donnerstag von 13 bis 21 Uhr geöffnet.


Quelle: http://www.wiesbadener-kurier.de/region/objekt.php3?artikel_id=2851983

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