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«Wir haben einen weiten Weg zurückgelegt»
«Wir haben einen weiten Weg zurückgelegt»


Ende Juni verlässt Chefarzt Gerhard Ebner das Psychiatriezentrum Breitenau und übernimmt als Direktor der Psychiatrischen Kliniken Basel eine neue Aufgabe. Wir unterhielten uns mit dem scheidenden Chefarzt über Fortschritte in der Psychiatrie.


Interview Martin Schweizer


Erst kürzlich sprachen Sie, Herr Dr. Ebner, von einem dramatischen Mangel an Psychiatern, Schweizer Kliniken müssten den Nachwuchs bereits in Osteuropa suchen, was auch zu sprachlichen Problemen führen könnte. Woran liegts? Ist Ihr Beruf zu wenig attraktiv?


Gerhard Ebner: Man kennt die Gründe nicht so recht. Tatsache ist allerdings, dass wir in der Schweiz allgemein einen Mangel an jungen Medizinern haben.


Trotz Numerus clausus?


Ebner: Ja, der täuscht nur über die schwierige Lage hinweg, da er nicht marktorientiert ist, sondern allein auf Grund begrenzter Ausbildungsplätze entstanden ist. Erfreulich ist zwar einerseits, dass der Anteil der Frauen, die Medizin studieren, inzwischen bei 50 Prozent liegt. Andererseits scheiden Frauen aber nach wie vor familienbedingt häufiger aus dem Berufsleben als Männer. Dass bei der Psychiatrie die Situation noch krasser aussieht, hat vielleicht damit zu tun, dass die Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie teurer ist als eine Ausbildung in der Somatik, das durchschnittliche Einkommen später aber wesentlich unter jenem anderer Mediziner liegt. Kommt dazu, dass das Fach an den Universitäten offenbar zu wenig attraktiv vermittelt wird.


Trotz Ärztemangel verlassen Sie nun aber nach knapp zwölf Jahren die Breitenau. Warum eigentlich?


Ebner: Ich bekam vom Kanton Basel-Stadt ein sehr interessantes Angebot: die Gesamtleitung eines renommierten, mit 800 Mitarbeitern und einem Jahresbudget von 95 Millionen Franken grossen, universitären Betriebes. Ausserdem bin ich jetzt 50 Jahre alt und zwölf Jahre hier tätig gewesen, Zeit für eine neue Herausforderung. Der Abschied von Schaffhausen fällt mir trotzdem schwer, glauben Sie mir!


Sie gehen in einer Zeit, in der die Zahl der Psychischkranken anscheinend überall steigt. Stimmt das? Und wenn ja, kennt man die Ursachen, weiss man, was die Menschen krank macht?


Ebner: Es gibt tatsächlich weltweit eine reale Zunahme von Psychisch-kranken, aus unterschiedlichen Gründen. Vor allem Depressionen nehmen in leistungsorientierten Gesellschaften zu. Auf Grund der demografischen Entwicklung sind aber auch Altersdemenzen häufiger. Daneben spricht man in der Psychiatrie auch von einem so genannten Demaskierungseffekt: Dank eines verbesserten Gesundheitswesens wird korrekter diagnostiziert. Depressionen beispielsweise wurden von den Medizinern lange nicht oder zu spät erkannt. Der dritte Effekt, der zu einer steigenden Zahl von Psychischkranken führt, ist das Klassifizierungssystem von Krankheiten, das sich in den letzten 20 Jahren verändert hat.


Das heisst?


Ebner: Das heisst, dass gesundheitliche Störungen mit einer bestimmten Schmerzsymptomatik früher beispielsweise rheumatologischen, später psychischen Krankheiten zugeordnet wurden.


Die Zahl der Psychischkranken nimmt vielleicht auch deshalb zu, weil sich Leute mit seelischen Problemen leichter «outen» und sich heute eher an einen Psychiater oder Psychologen wenden als noch vor einigen Jahren.


Ebner: Richtig. Man scheut sich weniger vor einer psychiatrischen Behandlung, es hat bis zu einem gewissen Grad eine Entstigmatisierung stattgefunden. 93 Prozent unserer Patientinnen und Patienten treten freiwillig in die Klinik ein, nur sieben Prozent werden zwangsweise per Fürsorgerischen Freiheitsentzug überwiesen. Das ist auch schweizweit eine ausserordentlich tiefe Rate und spricht für eine hohe Akzeptanz unserer Klinik in der Bevölkerung.


Zwangseinweisungen gibt es aber immer noch.


Ebner: Ja, meistens sind es Notfälle. Anders als noch vor 30 Jahren kann es nicht passieren, dass zum Beispiel ein Vormund oder eine Behörde jemanden einfach hinter dicken Mauern und verschlossenen Türen «versorgen» kann. Die Rechtslage und die Kontrollmechanismen sind bei uns seit 1980 derart klar und streng, dass niemand befürchten muss, längere Zeit unrechtmässig eingeschlossen zu werden. Wir haben auch gar kein Interesse, jemanden unnötig gegen seinen Willen in der Klinik zu behalten und zu behandeln. Die Zwangsmedikation unterliegt zusätzlich ebenfalls äusserst strengen gesetzlichen Auflagen, kurz: Die Kranken haben heute alle Rechtsmitttel, die es braucht, um Missbrauch wirksam zu verhindern.


Die Zahl der Psychischkranken, sagten Sie, nimmt ständig zu, während umgekehrt die stationäre Behandlung zu Gunsten der ambulanten Angebote seit Jahren kontinuierlich abnimmt.


Ebner: Die Tendenz ist eindeutig, wir konnten die Bettenzahl in den letzten zwölf Jahren von 180 auf heute 130 reduzieren. Insgesamt betreuen wir aber jährlich etwa konstant zwischen 400 bis 500 Eintritte. Erfreulich an der Entwicklung ist, dass wir im Psychiatriezentrum Breitenau im Gegensatz zu den meisten anderen Psychiatrischen Kliniken beim Bettenabbau keine Zunahme von Eintritten hatten und der gefürchtete «Drehtüreffekt» ausblieb, das heisst: dass der Patient, kaum entlassen, schon wieder vor der Klinikpforte steht. Die Betreuungskonstanz über den stationären Aufenthalt hinaus und damit die verschiedenen ambulanten Dienste haben sich bewährt.


Welche neuen Entwicklungen in der Psychiatrie gab es in den letzten Jahrzehnten überhaupt?


Ebner: In den 50er- und 60er-Jahren war es die Entwicklung wirksamer Medikamente, in den 70er- bis 80er-Jahren die Sozialpsychiatrie mit gemeindenahen Behandlungsmöglichkeiten, danach die Substitutionsbehandlungen zunächst mit Methadon, dann auch mit Heroin. Ferner wurden im letzten halben Jahrhundert spezifische hochwirksame Psychotherapieverfahren entwickelt. Diese Entwicklungen gingen quasi als «stille Revolution» vonstatten, ihre Auswirkungen sind aber mindestens so spektakulär wie die grossen Fortschritte in den übrigen Bereichen der Medizin in diesem Zeitraum.


Wie gross ist dabei die Rolle von Medikamenten? Gibt es auch hier neue Entwicklungen?


Ebner: Die modernen Medikamente sind heute zwar etwas besser verträglich, aber leider nicht unbedingt wirksamer als die alten.


Weiss man denn heute mehr über die Ursachen psychischer Störungen, über manisch-depressive Krankheiten zum Beispiel oder über die Schizophrenie?


Ebner: Es gibt einen gewissen Erkenntnisgewinn in der Forschung, man weiss viel mehr über genetische und organische Veränderungen. Diese Erkenntnisse haben aber bisher nur wenig Konsequenzen für die klinische Behandlung. Auch die eigentlichen Ursachen, das Wesen psychischer Erkrankungen, kann man bis heute nicht umfassend erklären. Über Auslöser und Krankheitsverläufe wissen wir allerdings einiges mehr, so gilt heute zum Beispiel als gesichert, dass der oft verharmloste Konsum von Haschisch eine schizophrene Erkrankung auslösen kann.


Sie sprachen von einer Entstigmatisierung von Psychischkranken. In der Öffentlichkeit assoziiert man Psychiatrie gewöhnlich aber immer noch mit Zwangseinweisungen, Zwangsjacken, Elektroschocks, Ruhigstellen.


Ebner: Teilweise, ja, im Vergleich zu früher oder auch zu anderen Ländern haben wir bei uns aber schon einen weiten Weg zur Enttabuisierung der Psychiatrie zurückgelegt. Gerade auch in Schaffhausen verbesserte sich das Image in den letzten Jahren deutlich: Die Breitenau hat sich intern und extern geöffnet, der Zaun ist längst weg, durch den Park mit öffentlichem Café spazieren Besucher und Quartierbewohner, vor der Klinik haben wir eine Bushaltestelle, die mit Psychiatriezentrum angeschrieben ist. Solche Zeichen freuen mich!


Dennoch erklärten Sie an Ihrer letzten Medienkonferenz im Psychiatriezentrum, auf der ganzen Welt würde keine Bevölkerungsgruppe so ausgegrenzt wie Psychischkranke.


Ebner: Über alles betrachtet, ist das bedauerlicherweise noch immer so. Psychischkranke sind in jeder Beziehung, vor allem aber im sozialen Bereich, extrem benachteiligt, denken Sie nur an den Arbeitsmarkt. Bewerbungen von Personen mit psychischen Problemen landen nach wie vor in der untersten Schublade, wie eine Studie aus Basel belegt. Die Vorbehalte sind generell immer noch gross, gemäss Umfragen unverständlicherweise beim medizinischen Personal noch grösser als beim Durchschnitt der Bevölkerung.


Wer, kurz gesagt, ist eigentlich psychisch krank? Wie definiert sich die Krankheit?


Ebner: Psychisch krank ist, wer an definierten psychischen Symptomen leidet und dessen Lebensführung davon beeinträchtigt ist.


Eine Grauzone. Die Grenzen können nicht klar gezogen werden.


Ebner: So ist es. Symptome psychischen Krankseins und daraus verändertes Verhalten werden zum Teil auch kulturell bewertet; in einer abstinenten Kultur werden Süchtige beispielsweise anders angesehen als in einer Gesellschaft, in der der Konsum von Suchtmitteln gang und gäbe ist und sogar zum «Erwachsenwerden» gehört. Auch fallen Depressive in einer Gesellschaft, die nicht so leistungsorientiert ist wie die unsrige, weniger auf.


Daniel Hell, heute Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, sagte in einem Interview mit Blick auf die Neurowissenschaften, es werde heute tendenziell weniger mit den Patienten gesprochen, stattdessen vor allem beobachtet, untersucht und chemisch behandelt. Als Therapeut müsse man aber die «Erlebensdimension» des Patienten mitempfinden können, also vor allen Dingen mit ihm reden.


Ebner: Dass man heute weniger als früher und zu wenig das Gespräch mit den Patienten und den Angehörigen sucht, kann ich so nicht bestätigen, im Gegenteil. In der Psychotherapie, wie sie bei uns und bei den niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen tagtäglich stattfindet, beachtet man das subjektive Erleben und die Bedürfnisse der Kranken sehr wohl. Hells Meinung bezieht sich primär wohl auf die Forschung, er urteilt vermutlich aus einer rein universitären Perspektive.


Wie sieht aus Ihrer Sicht die Psychiatrie der Zukunft aus?


Ebner: Die Spezialisierung wird zunehmen, drastisch auch nochmals die ambulanten Behandlungsmöglichkeiten. Ich gehe in der Schweiz von einer weiteren Halbierung der Bettenzahl aus, was in dieser Radikalität nicht unbedingt wünschenswert ist, aber wohl im Trend liegt. Auch im biologischen Bereich wird sich wahrscheinlich etwas bewegen, zu hoffen ist, dass die Forschung doch Fortschritte bei der Entwicklung von Medikamenten erzielt, sodass sie noch weniger Nebenwirkungen haben, gezielter und damit wirksamer eingesetzt werden können.


Sie haben, Herr Ebner, neben Ihren täglichen Aufgaben in der Klinik viel publiziert, Schwerpunkt: transkulturelle Psychiatrie. Kommt von daher Ihr Interesse für Fremdsprachen? Sie sprechen ja sogar Türkisch.


Ebner: Zuerst waren es die Sprachen, sie faszinieren mich seit eh und je. Dann entwickelte sich mein nach wie vor anhaltendes Interesse an verschiedenen Kulturen.


In einer Ihrer Publikationen steht das nachdenklich stimmende Zitat: «Meine Angst vor dem Vergessen ist grösser als meine Angst, mich an zu viel erinnern zu müssen.» Welche Erinnerung aus der Schaffhauser Zeit möchten Sie, Herr Ebner, nicht vergessen?


Ebner: Es gibt nichts, an das ich mich nicht erinnern möchte, egal, ob die Erlebnisse nun in den vergangenen zwölf Jahren schön oder belastend waren. Ich bin stolz, schwierige Situationen gemeistert zu haben, erinnere mich aber natürlich besonders gern an die wunderbaren menschlichen Begegnungen und Freundschaften, die ich während meiner Tätigkeit in den Psychiatrischen Diensten und im ganzen Kanton Schaffhausen erleben durfte. Es war eine fruchtbare, allerdings auch anspruchsvolle Zeit. Man wird hier gefordert und sehr scharf beobachtet. Aber diese hohe soziale Kontrolle in unserem kleinen Kanton ist gleichzeitig eine gute Qualitätssicherung.


«Ich bin jetzt 50, Zeit für eine neue Herausforderung. Der Abschied fällt mir trotzdem schwer» «Die Kranken haben heute alle Rechtsmittel, die es braucht, um Missbrauch zu verhindern» Fortsetzung auf Seite 19 Zwölf Jahre Was in dieser Zeit in der Klinik Breitenau geschah.


Gerhard Ebner, Marathonläufer und Fremdsprachenkenner, hat es gern extrem. Dennoch steht bei ihm nicht der Alleingang, auch nicht die autoritäre Geste und straffe Leitung im Vordergrund. Er bevorzugt die Arbeit im Team. Seine Konzeptionen zu therapeutischen Aktivitäten beruhen auf der heute allseits hoch gelobten interdisziplinären Zusammenarbeit - ein modischer Begriff gewiss, das weiss auch Ebner, mit dem gelegentlich mehr vertuscht als geklärt wird und Verantwortungen hin- und hergeschoben werden. Dass dem im Psychiatriezentrum Breitenau nicht oder jedenfalls nicht augenfällig so ist, hat mit der Offenheit des nach zwölf Jahren nun scheidenden Chefarztes zu tun: Gerhard Ebner ist es dank seiner offensiven Art gelungen, die Klinik Breitenau im letzten Jahrzehnt auf eine vorbildliche Art und Weise der Öffentlichkeit näher zu bringen, auch mit dem Ausbau der Tagesklinik und mit der Öffnung der Abteilungen.


Der Neubau, im zweiten Anlauf vom Souverän 1999 genehmigt und vor vier Jahren eingeweiht, kommt dieser Offenheit entgegen; lange vor dem Amtsantritt Ebners geplant, ist dieser Bau mit dem öffentlich zugänglichen Park und dem Café geeignet, ein aufgehelltes Bild jener Psychiatrie zu zeichnen, die dem Chefarzt vorschwebt und die er verwirklichen will; Psychischkranke sollen nicht stigmatisiert, nicht ausgegrenzt werden, sondern zusammen mit ihren Angehörigen, mit Freunden und Bekannten ihre je eigenen Fähigkeiten entwickeln - Empowerment heisst der etwas schwerfällige Begriff, der heute oft gebraucht wird und eigentlich nichts anders meint als gegenseitige Hilfe zur Selbsthilfe. Dazu gehört auch die Gründung des Patientenrates, aber auch die uneigennützigen Bemühungen des seit 100 Jahren bestehenden Hilfsvereins für Psychischkranke, den Gerhard Ebner zusammen mit Agnes Kaderli bis heute geleitet hat.
Als Randkanton müsse Schaffhausen auch nach aussen präsent sein, sonst werde man vergessen, betont Gerhard Ebner immer wieder. Auch deshalb hat er in Schweizerischen Vereinigungen mitgewirkt und im Psychiatriezentrum verdienstvollerweise regelmässig Tagungen mit anerkannten Fachleuten organisiert, zuletzt über Suizid und über das Suchtverhalten Schwerstabhängiger. (-zer.)


Dr. Gerhard Ebner, Chefarzt im Psychiatriezentrum Breitenau, wenige Tage vor seinem Aufbruch nach Basel. Bilder Bruno Bührer


In den letzten Jahren hat sich das Psychiatriezentrum Breitenau sowohl intern wie extern enorm verändert - zum Wohle der Patienten und im Interesse der Öffentlichkeit.


Quelle: http://www.shn.ch/pages/artikel.cfm?id=187999

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