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Was heißt hier psychisch krank?
Was heißt hier psychisch krank?


Bei Theorien und Behandlungsformen gibt es unterschiedliche Gewichtungen unter den Experten


Laut Experten gibt es keine beweisbare globale Zunahme von psychischen Störungen.


Von Gabriele Vasak


- Familie und Freunde sind wichtiges Netzwerk.

- Mehr Erfolg bei Therapien als früher.


Wien. Noch immer weiß die Wissenschaft nicht, wie und warum genau psychische Störungen entstehen. Die Theorien darüber sind höchst vielfältig, und auch in den Behandlungsformen gibt es unterschiedliche Gewichtungen innerhalb der verschiedenen psychiatrischen Strömungen.


Es ist noch nicht allzu lange her, da versuchte man uns die Entstehung von psychischen Störungen allein mit familiären und sozialen Ursachen – als Reaktion auf eine Traumatisierung – zu erklären. Beim Erscheinungsbild der Depression etwa unterschied man in "endogen" und "reaktiv", und im Zuge dieses Erklärungsmodells pilgerten unzählige Menschen mit mehr oder weniger schweren psychischen Störungen zu den Psychotherapeuten und ließen sich dort von den Traumata ihrer frühen Kindheit und damit oft auch von den eigenen Eltern befreien. Übrigens nicht immer eine Vorgehensweise, die zum Erfolg führte. Auch heute noch gibt es Anhänger dieser Theorien, doch die Mehrheit der Experten hält wenig bis gar nichts von solchen Strategien.


Wichtige Ressource Familie


Für die moderne Sozialpsychiatrie ist die Herkunftsfamilie sogar eine der wichtigsten Ressourcen für psychisch kranke Menschen. "Familie und Freunde sind ein Netzwerk, in dem der Patient im doppelten Sinne zu Hause ist und das man keinesfalls mutwillig zerstören darf, indem man suggeriert, dass ebendiese Familie den Patienten krank gemacht hat und dass man ihn daher von ihr trennen muss", sagt Univ.-Prof. Heinz Katschnig, Leiter der Universitätsklinik für Psychiatrie am AKH Wien.


Moderne Psychopharmaka


Die zweite bei vielen Betroffenen unerlässliche therapeutische Schiene, die auch die Sozialpsychiatrie nutzt, aber eher dem Bereich der biologischen Psychiatrie zuzuordnen ist, sind die modernen Psychopharmaka.


"Was die Schizophrenie betrifft, so weiß man, dass es in der akuten Krankheitsepisode zu einer Veränderung im Neurotransmitterstoffwechsel kommt. Am besten belegt sind diese Veränderungen im Rahmen der dopaminergen Transmission: Schizophrene Patienten haben eine erhöhte Empfindlichkeit in diesem Bereich, und diese erklärt manche der Symptome – im Speziellen Wahnideen und Halluzinationen", erklärt der Leiter der Abteilung für biologische Psychiatrie der Universitätsklinik Innsbruck, Univ.-Prof. Wolfgang Fleischhacker.


Verletzlichkeit und Stress


Organisch oder nicht – im Sinne des kausalen Entstehens kennt man nur die Ursachen einer einzigen psychischen Störung – die der posttraumatischen Belastungsstörung, und dies scheint evident: Wohl jeder, der dem enormen Stress eines Gefangenenlagers, einer Vergewaltigung oder einer Katastrophe ausgesetzt ist, reagiert mit charakteristischen vegetativen Symptomen wie Anspannung und Angst. Schon wieder unklar ist freilich, warum diese Symptome bei manchen Menschen anhaltend sind, bei anderen wieder nicht – ein Phänomen, das auch bei anderen psychischen Störungen zum Tragen kommt.


Die Sozialpsychiatrie hat als Erklärungsansatz dafür das "Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Modell" entwickelt. "Wir gehen davon aus, dass manche Menschen eine genetische Vulnerabilität (Anm. Anfälligkeit) für psychische Erkrankungen haben. Diese Verletzlichkeit führt dazu, dass sie Stress, Belastungen oder Schicksalsschläge weniger gut als gesunde Menschen verarbeiten können. Allerdings verfügen manche über bessere Bewältigungsstrategien, und diese kann man auch erlernen", so Katschnig.


Noch einmal zurück zu den Psychopharmaka: Hier hat in den letzten zehn Jahren eine beispiellose Entwicklung stattgefunden. Neue Antidepressiva, Antipsychotika, Antidementiva, Anticravingsubstanzen oder etwa Antiepileptika, die heute auch in der Behandlung affektiver Erkrankungen eingesetzt werden, haben das Spektrum der pharmakologischen Therapiemöglichkeiten bedeutend erweitert. Fleischhacker: "Der Hauptvorteil vieler neuer Substanzen liegt wohl in ihrer weitaus größeren Arzneimittelsicherheit. Davon abgesehen können wir heute bei der Schizophrenie nicht nur die Positivsymptomatik, sondern auch gewisse Negativsymptome bessern. Anticravingsubstanzen, die bei Suchtproblematik hilfreich sind, oder Antidementiva gab es bis vor einiger Zeit überhaupt nicht, und grundsätzlich sind viele Präparate besser verträglich, fördern damit die Complience (Anm. Therapietreue) der Patienten, und wir können mehr erfolgreiche Behandlungen durchführen als früher."


Immer mehr Kranke?


Der in den Medien immer wieder kolportierte Meldung, dass psychische Krankheiten im Ansteigen begriffen wären, wird übrigens von beiden Experten widersprochen. Fleischhacker sieht lediglich bei den Essstörungen eine klare Zunahme. Katschnig argumentiert damit, dass die Behauptung der steigenden Inzidenzen aufgrund fehlender Daten schlicht nicht beweisbar ist, und: "Das Hauptthema sollte wohl sein, wie man eine psychische Krankheit bei möglichst guter Lebensqualität bewältigen kann, und nicht das Gejammer über eine nicht beweisbare globale Zunahme der psychischen Störungen."


Freitag, 08. Juni 2007


Quelle:http://www.wienerzeitung.at/DesktopDefault.aspx?TabID=4109&Alias=wzo&cob=287867

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