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Vom Kuckucksnest bis zum Jakobsweg
Vom Kuckucksnest bis zum Jakobsweg


Machtgierige Psychiatrie-Schwestern, therapieversessene Patienten und die faszinierende Welt der Psychoanalyse – Stoff für spannende Romane

„Ihr Gesicht ist glatt, berechnend, eine präzise Spezialanfertigung, wie eine teure Baby-Puppe, Haut wie fleischfarbenes Emaille, eine Mischung von Weiß und Cremefarbe und babyblauen Augen, kleine Nase, kleine rosa Nasenlöcher – alles passt zusammen, bis auf die Farbe ihrer Lippen und Fingernägel und die Größe ihres Busens. Irgendwie ist bei der Herstellung ein Fehler unterlaufen, als einem in allen anderen Punkten vollkommenen Produkt diese großen fraulichen Brüste gegeben wurden, und man kann deutlich sehen, dass sie deswegen verbittert ist.“ Mit diesen Worten beschreibt ein Patient seine Krankenschwester, die Tyrannin einer psychiatrischen Männerstation. Die Tage, die er dort verbringen muss, sind eintönig: Man „beschäftigt“ sich unter der Aufsicht der Stationsschwester, die in einem stets blank polierten Glaskasten in der Mitte des Aufenthaltsraumes sitzt und von zwei schwarzen Pflegern bei der Arbeit unterstützt wird, mit Monopoly, Hausarbeit und Gruppensitzungen. Bei den „Akuten“ besteht wenigstens noch Hoffnung auf Veränderung, die chronischen Patienten aber sind „nicht in der Klinik, um repariert zu werden“. Doch der Neue, der eines Tages mit der gut gelaunten Bemerkung „Prächtiges Herbstwetter, was?“ auf die Station kommt, ist von einem anderen Schlag: Groß, kräftig, mit tätowierten Händen, wildem rotem Haar und mitreißendem Temperament. Er setzt sich mutig für Verbesserungen im Stationsalltag ein. Weil es diesem McMurphy schließlich gelingt, eine gute Beziehung zum Stationsarzt aufzubauen, fühlt sich die Schwester in ihrer Machtposition bedroht. Letztlich geht „Einer flog über das Kuckucksnest“ deshalb tragisch aus. Ken Keseys Roman aus dem Jahr 1962 ist vor allem durch die Verfilmung mit Jack Nickolson in der Hauptrolle bekannt geworden. Der psychiatriekritische Roman attackiert zugleich die enge bürgerliche Gesellschaft in der Zeit des Kalten Krieges: Die Schwester herrscht hier als eine Art Über-Mutter ebenso über „ihre“ Kranken wie Vater Staat über seine unmündigen Schäfchen.

Auch in Friedrich Dürrenmatts bekanntem Drama „Die Physiker“, ebenfalls im Jahr 1962 verfasst, wird eine „Irrenanstalt“ von Frauen dominiert: Von Chefärztin Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd, bucklig, nur im Arztkittel und mit Stethoskop zu erleben, und von ihrer resoluten Oberschwester Marta Boll. Dürrenmatt spielt mit den Psychiatrie-Klischees und setzt immer noch einen Gag darauf. „Für wen sich meine Patienten halten, bestimme ich“, sagt da etwa die Ärztin. Die Komödie hat jedoch einen ernsten Hintergrund. Denn diese Patienten fingieren ihre Krankheit nur, um die Menschheit vor einer gefährlichen wissenschaftlichen Entdeckung zu bewahren. Ein Verwirrspiel, dessen Kern die atomare Bedrohung bildet.

Im Unterschied zu Dürrenmatt ist Dr. Irvin D. Yalom ein Psychiatrie-Profi: Er lehrte lange Zeit im „Hauptberuf“ Psychiatrie an der Uni Stanford. Dort hat auch der Held seines Romans „Die rote Couch“ eine fundierte wissenschaftliche Ausbildung erhalten. Nun jedoch ist er nicht Hirnforscher, sondern Psychoanalytiker geworden – und liebt seinen Beruf. „Tag für Tag ließen ihn seine Patienten in den verborgensten Winkeln ihres Lebens stöbern. Tag für Tag tröstete er sie, teilte ihre Sorgen und linderte ihre Verzweiflung.“ Dieser Ernest Lash wird eines Tages von einer Ethikkommission beauftragt, den heiklen Fall eines erfahrenen Kollegen zu prüfen, der gegen alle Regeln der Zunft ein Verhältnis mit einer Patientin begonnen hat. Und der sich auch noch frech mit dem Argument verteidigt, Sex sei in diesem Fall das einzige Mittel gewesen, um der Patientin zu helfen. Auch Lash gelangt zu der Auffassung, dass jeder Fall eine eigene Behandlungsstrategie erfordert. Mit dem Auftreten der ebenso attraktiven wie rachsüchtigen Carol beginnen aber für ihn persönlich neben den Freuden der Therapie auch beträchtliche Schwierigkeiten.

In Davids Lodges Roman „Therapie“ ist der Buchtitel zugleich das Programm, und er meint nicht allein die Behandlung beim Psychotherapeuten: Montags geht der Held des Romans zu Roland in die Physiotherapie, dienstags zu Alexandra in die Verhaltenstherapie, freitags macht er abwechselnd Akupunktur bei Miss Wu und Aromatherapie bei Dudley. Nur mittwochs und donnerstags hat er keine Zeit: Da trifft er sich mit seiner Freundin Amy, „aber das kommt auch auf eine Therapie raus“. So recht gesund und glücklich fühlt sich Laurence Passmore dennoch nicht. Doch als ihn ein plötzlich auftretendes Knieleiden auch noch an den sportlichen Aktivitäten hindert, wird er ernstlich depressiv, zumal ihm keiner der Therapeuten wirklich helfen kann. Heilung für sein Knie und für seine Seele findet er erst auf dem Jakobsweg – wo er seine große Liebe trifft. Adelheid Müller-Lissner

Friedrich Dürrenmatt: Die Physiker. Diogenes, mehrere Ausgaben; Ken Kesey: Einer flog über das Kuckucksnest. Aus dem Amerikanischen von Hans Hermann, rororo 1982; David Lodge: Therapie. Haffmans Verlag 1995 (gebundene Ausgabe), Wilhelm Heyne Verlag 1998 (Taschenbuch); Irvin D. Yalom. Die rote Couch, Btb Goldmann 1998.

Quelle: www.tagesspiegel.de

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