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Wahn und Wahrheit
Wahn und Wahrheit


Der Mann hat Augen wie Alain Delon, ist geschätzte 1,90 Meter groß, schlank, die hellbraunen Haare sind leicht gewellt. Mit Elan schreitet über den mit Kunstlicht beleuchteten Gang. Birgit und Gerda (alle Patientennamen geändert), die eben noch über das Wetter geredet haben, das ihnen auf die Stimmung drückt, stoßen einander mit den Ellbogen an und kichern wie pubertierende Mädchen.

Gerda frohlockt: „Da kommt ja unser Engel“. Und Birgit schmeichelt: „Unser schöner Herr Doktor.“ Die Frauen strahlen Dirk Schwerthöffer an. Der Stationsarzt merkt, dass er gemeint ist, und sagt: „Na, meine Damen“, lächelt und geht weiter.

Psychische Störung kann jeden treffen

Station 7/1, psychiatrische Abteilung am Münchner Klinikum rechts der Isar. Hier ist der Ort, wo Träume erstmal platzen. Es erwischt Männer, die auf der Karriereleiter oben stehen, ebenso wie junge Mütter, die sich eben noch mit ihrer Familie das neue Haus eingerichtet haben oder Studenten, die ein glänzendes Abitur hingelegt und eine wunderbare Zukunft vor sich haben. Laut Statistik entwickelt nahezu jeder dritte Deutsche im Laufe seines Lebens eine psychische Störung. Leichtere Erkrankungen bleiben häufig unerkannt und unbehandelt. Schwere Fälle landen, lapidar gesprochen, auf der „Geschlossenen“. Eben auch auf Station 7/1. Untergebracht sind hier 18 Patienten. In Zweibett- Zimmern. Im Durchschnitt 70 Tage lang.

Der Linoleumboden sieht aus wie der im Einwohnermeldeamt, die langen Korridore versprühen den Charme einer in die Jahre gekommenen Jugendherberge. Einige Patienten gehen dort auf und ab, tief in sich versunken und mit schlurfenden Schritten. Von irgendwoher hört man das Ping-Pong eines Tischtennisballs. Nebenan fällt immer wieder ein Würfel auf ein Spielbrett – vier Patienten spielen wortlos „Mensch-ärgere-dich-nicht.“ Öffnet man die Fenster, kommt Luft nur durch zwei 15 Zentimeter große Spalten, unten und oben, der Rest wird von einer dicken Glasscheibe bedeckt. Stationspfleger Josef Stigler erzählt, dass es einmal eine Patientin geschafft hat, sich durch die untere Lücke zu quetschen. Ein junges Mädchen, magersüchtig und suizidgefährdet. Ihr Fluchtversuch wurde gerade noch rechtzeitig entdeckt. Dass einer so schnell wie möglich hier wieder raus will, ist nicht ungewöhnlich.

Keine Einsicht in Krankheit

„Zu einer Psychose gehört oft, dass die Patienten keine Krankheitseinsicht haben“, erklärt Josef Bäuml, der leitende Oberarzt. Die seien dann felsenfest davon überzeugt, dass sie in der Psychiatrie irrtümlich festgehalten werden. Natürlich sei ihr Gedanke dann: Nichts wie weg! Auch Hilda wäre am liebsten geflüchtet. Auf Station 7/1 ist Hilda der „gute Geist“. Eine Mittvierzigerin mit wachen Augen, sie lächelt viel, hat immer ein freundliches Wort für andere übrig. Knapp einen Monat ist sie nun hier. In den ersten zwei Wochen hat sie nur geweint, wollte mit niemandem sprechen. „Jetzt fühle ich mich so, wie ich wirklich bin“, sagt Hilda lächelnd. „Ich mag die Menschen doch.“

Die andere Hilda lächelt nie. Die andere Hilda hat Angst, irre Angst. Einer könnte ja vor der Wohnungstür stehen und vorhaben, sie umzubringen. Kurz bevor ihr Freund sie in die Psychiatrie brachte, hatte sich ihre Angst in Panik gesteigert und Hilda wäre fast aus dem Fenster gesprungen, um dem bösen Mann vor der Haustüre zu entkommen. Ein normales Leben, ja, das wünscht sich Hilda. Sie weiß auch, dass es ohne Medikamente nicht gehen wird. „Nur dann bin ich leistungsfähig genug, um in die Arbeit gehen zu können“, erzählt sie. Durch die Antidepressiva spüre sie die Stimmungsaufhellung deutlich. „Die braucht mein Körper, um wieder richtig ins Lot zu kommen.“ Dass in der Psychiatrie Medikamente wie Neuroleptika eingesetzt werden, ist seit Jahrzehnten ein umstrittenes Thema. Nicht so für Oberarzt Josef Bäuml. „Wer zu uns kommt, soll zur Ruhe kommen.

Psychose-Erkrankte können diesen Zustand ohne Medikamente nicht erreichen“, sagt er. „Keiner hat etwas davon, wenn wir die Patienten unbehandelt lassen und sie dann herumschreien oder wild um sich schlagen.“ Während einer Psychose verliert der Mensch gewissermaßen den Kontakt zur Wirklichkeit, entwickelt unter anderem auch Wahnvorstellungen. Nicht das Ich selbst sei Regisseur, sondern, so erklärt Bäuml, „irgendwelche verrückten Hormone“, die den Menschen zwingen etwas zu tun, was er gar nicht will. „Nach heutigem Wissensstand liegt bei Psychosen ein krankhaftes Überangebot von Dopamin vor, speziell im limbischen System“, weiß der Oberarzt. Dopamin ist ein Botenstoff im Gehirn, ein so genannter Neurotransmitter, der für das Zustandekommen von zahlreichen Informationsprozessen nötig ist. Normalerweise werden Geräusche, Gerüche und andere Sinneseindrücke im Hirnstamm gefiltert – bei einem Überschuss an Dopamin ist diese Filterfunktion gestört, es kommt zu einer Reizüberflutung. Neuroleptika wirken dem entgegen.

Streitthema Medikamente

Erkannte man vor rund 30 Jahren einen mit Medikamenten eingestellten Patienten noch an seinen steifen, unnatürlichen Bewegungen, hätten die Patienten heute vor allem mit Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Gewichtszunahme zu kämpfen – für Neuroleptika-Gegner ein weiteres Argument. Bäuml sagt dagegen: „Bei einer Psychose sind Körperfunktionen gestört, so wie es auch bei Bluthochdruck und Diabetes der Fall ist. Und da leuchtet es jedem ein, Medikamente einzunehmen.“ Wenn Ärzte und Pfleger über den Alltag auf Station 7/1 reden, fällt immer wieder das Wort „Struktur“. Ein klar geregelter Tagesablauf gibt den Patienten Orientierung und Halt: Die Duschen sind morgens von 6.45 bis 7.45 Uhr geöffnet, bis 8.30 Uhr gibt es Frühstück, danach eine halbe Stunde Gymnastik. Ab 10 Uhr steht Kunsttherapie auf dem Programm.

Lückenlose Überwachung

Nach dem gemeinsamen Mittagessen wird Beschäftigungstherapie oder Arbeiten in therapeutischen Werkstätten angeboten. Wer die Genehmigung der Ärzte hat, darf drei Stunden täglich und in Begleitung nach draußen gehen. Abends gibt es ein gemeinsames Essen. Pfleger Josef Stigler und seine Kollegen achten strikt darauf, dass jeder sich an den Ablauf hält. „Wir müssen die Leute oft motivieren, viele haben erstmal keine Lust“, berichtet Stigler. Je weniger Rückzugsmöglichkeiten, je besser eingebunden in die Gemeinschaft, desto weniger könne einer auf dumme Gedanken kommen. Manche Patienten brauchen eine lückenlose Überwachung, nach anderen Patienten sehen die Pfleger viertelstündlich. Mit bösen Überraschungen müsse man stets rechnen. So habe neulich eine Borderline-Patientin um heißes Wasser gebeten.

Angeblich, um sich eine Suppe zu machen. Stattdessen übergoss sie ihren Bauch mit kochend heißem Wasser – lächelnd und vor den Augen der entsetzten Krankenschwester. Das Leben ist wieder schön für mich“, freut sich Paul, Anfang zwanzig. Er sitzt im Gemeinschaftsraum, wo knallrote und knallgrüne Bilder an der Wand hängen, und hält ein Stück seines Ärmels mit der linken Faust fest. Manchmal, sagt er, ärgere er sich schon, dass es ausgerechnet ihn erwischt hat. Warum ist er krank und die anderen nicht? Als er neulich mit seinen Kumpels draußen war, in der Welt jenseits von Station 7/1, hätten ihn die vielen Eindrücke schlichtweg erdrückt. „Ich war froh, als ich wieder zurück war“, erzählt er. Hier sei er erstmal geschützt. Hierher komme keiner, der ihm etwas antun könnte. „Manchmal träume ich schon von der Zukunft.“ Wie die aussehen soll? Paul lächelt: „Normal halt!“


S.-Sophie Schindler
18.05.2007 15:07 Uhr

Quelle: www.ovb-online.de

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