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Buchkritik "Celebrities"
Sensation im Orkus: Joe Cocker in der Bierhölle?


Borwin Bandelows „Celebrities“

Von BETTINA KOLLER - © Die Berliner Literaturkritik, 15.05.07

„Joe Cocker war nur ein Bier von der Hölle entfernt.“ - Diese und andere Weisheiten hat der Buchautor und Göttinger Psychater Borwin Bandelow zu berichten. Bandelow hat in seinem Buch „Celebrities“ die Persönlichkeitsstörungen von Stars und Sternchen untersucht. Er kommt dabei zu einem, wie es vorerst scheint, logischen Ergebnis.

Viele Menschen werden auf Grund des Borderline-Syndroms berühmt. Das heißt, die Persönlichkeitsstörung ist schon da, bevor die Menschen erfolgreich sind. Borderliner weisen, so der Wissenschaftler weiter, meist mehrere Faktoren auf. Sie haben oft eine schwierige Kindheit hinter sich, Essstörungen, Selbstverletzungen und Ängste stehen an der Tagesordnung. Auch sexueller Missbrauch ging bei vielen voraus. Außerdem zeichnet diese Menschen die Unfähigkeit aus, ihre Gefühle zu kontrollieren. Beispiele hat Bandelow viele parat.

Talentiert, aber unglücklich

Er untersucht bekannte Tatsachen, in freudanmutender Absicht. Er berichtet von Drogenexperimenten Janis Joplins, der Fettsucht Elvis Preleys und dem spektakulären Tod Kurt Cobains. Vielen Berühmtheiten ist gemein: neben talentiert, waren sie vor allem unglücklich. Schwierig wurde die innere Leere vor allem in einem bestimmten Alter. So schieden Jimi Morrison, Jimi Hendrix, Janis Joplin und Kurt Cobain allesamt mit 27 aus dem Leben. Das ist kein Zufall, so Bandelow, mit 27 ist die Gefahr einer Borderline-Störung am Höhepunkt. Zeitgleich ist hier auch der Mensch am Kreativsten.

Viele interessante Details aus dem Leben der Berühmtheiten listet Bandelow auf. So hält er zum Beispiel fest, dass fünf der sieben amerikanischen Literaturnobelpreisträger ein starkes Problem mit dem Alkohol hatten. Gut, bei Hemingway war das so neu ja nun nicht. Aber auch von anderen Extremen berichtet Bandelow. T. C. Boyle hat erkannt, dass ihm künstliche Mittel nie so viel Glücksstoffe geben, wie seine eigentliche Droge, das Schreiben. Auch Bandelow sieht im Kreativitätspotential der Borderliner ihre Rettung.

Wahrscheinlich auch ein Grund, wieso er für eines der wenigen zeitgenössischen Beispiele wie Robbie Williams noch nicht alles verloren sieht. Obwohl Williams alles durch hat, was die Schattenseiten des „Starseins“ ausmacht, sieht Bandelow die Sache gelassen. So meint er, dass man die Hoffnung noch nicht aufgeben müsse, er sei ja noch jung.

Presleys Glückskekse

Bandelow bewegt sich quer durch die Geschichte. Er erzählt von der entarteten Kunst bei den Nazis und porträtiert den Narzissmus Mariah Careys. All diesen Menschen ist ein Mangel an Glückshormonen gemein. Eigentlich eine interessante Auflistung, die Bandelow da bietet. Doch vor allem in dem Kapitel, in dem er sich mit ungeklärten Todesfällen befasst, scheint sich Bandelow in seinen eigenen Theorien zu verfangen.

So stellt er fest, dass Elvis Presley kurz vor seinem Tod noch nicht so traurig gewesen sein kann, er hätte ja Kekse gegessen. Auch bei Marylin Monroes Tod glaubt er an einen Unfall, schließlich hat die Schauspielerin nachmittags noch telefoniert. Das ganze gipfelt in der Vermutung, dass Lady Di’s Tod die Höllenfahrt dreier Borderliner war. Auch sonst scheint der Autor genaue Maßtäbe für seine Untersuchungen anzulegen. So bezeichnet er Courtney Love als talentloses Wesen und man stellt sich die Frage, mit welcher Berechtigung er so scharf urteilt.

Hier beginnt dann der Punkt, wo man Bandelow in die Nähe jener reißerischen Elemente, die er seinen Untersuchungspersonen ankreidet, stellt. In den Anfangskapiteln noch psychoanalytisch untermauert, schwankt der Autor immer mehr in Richtung eines so genannten „Unterhaltungsbuches“. Am Ende hat man den Eindruck, als hätte sich hier jemand zurechtgezimmert, was gut in die selbst erstellte Theorie passt. Unterhaltsam auf jeden Fall, glaubwürdig nicht immer.

Bettina Koller arbeitet als freie Journalistin für dieses Literatur-Magazin in Berlin.

Literaturangaben:

BANDELOW, BORWIN: Celebrities. Reinbek, Rowohlt 2006. 285 S., 16,95 €.

Quelle: www.berlinerliteraturkretik.de

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