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Ein wüster Geier, der am Leben frisst
Ein wüster Geier, der am Leben frisst

KREIS RAVENSBURG - Keine Freude. Ohne Lebensmut. Immer mehr Menschen im Kreis Ravensburg sind depressiv - aber es gibt Hoffnung. Seit 30 Jahren werden am Zentrum für Depression des ZfPs Weißenau Depressive therapiert. In Deutschland gibt es doppelt so viele Depressionstote wie Verkehrstote.

Die Depression ist eine lähmende, Menschen und Kapital verschlingende Volkskrankheit. Mit Johanniskraut lässt sich das Problem dauerhaft nicht lösen. Für Dr. Martin Jandl, den Oberarzt der Depressionsabteilung am Zentrum für Psychiatrie (ZfP) in Weißenau, ist klar: "Echte Depressionen sind nicht zu vergleichen mit Phasen von schlechter Laune oder Grübelei. Es handelt sich um psychische Störungen, bei denen die Empfindung aller Gefühle reduziert ist."

ie Betroffenen sind niedergeschlagen, sie haben zu nichts mehr Lust, fühlen sich minderwertig, kapseln sich ab und erleben schon die kleinsten Aufgaben als große Belastung. "Darüber hinaus stoßen Menschen mit Depressionen auf erhebliche Ressentiments", meint Jandl. "Sie werden nicht offen diskriminiert, aber Freunde und Verwandte wenden sich ab, was die Betroffenen noch tiefer in die Krise stürzt." Jedes Jahr finden etwa 10 500 Menschen in Deutschland ihren Zustand so unerträglich, dass sie Suizid begehen. Das sind doppelt so viele, wie im Jahr bei Verkehrsunfällen sterben.

Seit 30 Jahren werden depressive Menschen im Zentrum für Psychiatrie in Weißenau behandelt. Die Abteilung war die erste Depressionsabteilung dieser Art in Deutschland. Sie hat sich inzwischen als festes therapeutisches Angebot in der Region etabliert und deutschlandweit etwa 100 Nachahmer gefunden.

Seit ihrem Bestehen fanden auf der Weißenauer Station weit mehr als 6000 Patienten Rat und Hilfe. Das ursprünglich ausschließlich vollstationäre Therapieangebot konnte in den vergangenen Jahren durch teilstationäre Behandlungsmöglichkeiten, wie Tages- und Nachtklinik sowie um eine Institutsambulanz erweitert werden.

Die Behandlung fußt auf drei Säulen. Der biologisch-pharmazeutische Ansatz, wie die Gabe von Medikamenten, Lichttherapie sowie therapeutischen Schlafentzug. "Wir arbeiten dabei mit Antidepressiva, die nicht abhängig machen", sagt Jandl. Weitere Bausteine sind psychotherapeutische Behandlungsmaßnahmen, die in Form von Einzel- und Gruppentherapie angeboten werden.

"Der Therapeut hilft dem Patienten dabei, zunächst für kleinere, später für schwierigere Probleme selbst Lösungen zu entwerfen und neue, gesündere Verhaltensweisen einzuüben", sagt Jandl. Die dritte Komponente sind unterschiedliche Betreuungskonzepte, wie zum Beispiel ein Training, um wieder in das Berufsleben einzusteigen.

Experten unterscheiden mehrere Formen von depressiven Störungen: Unipolare Depressionsformen, die mit einer oder mehreren depressiven Episoden einhergehen. Zweitens die bipolaren Störungen, bei der sich depressive Phasen mit manischen abwechseln, also mit Episoden von extremer Hochstimmung, übersteigertem Tatendrang, Größenwahn sowie unvernünftiger Risikobereitschaft.

"Und die Dysthymie - eine weniger ausgeprägte, aber chronische depressive Verstimmung, die mindestens zwei Jahre anhält. Die Betroffenen können sich über nichts richtig freuen, sind schnell gekränkt und enttäuscht, leiden unter Ängsten und sind insgesamt sehr pessimistisch."

"Stell dich nicht so an." - Das war vor 30 Jahren das Motto, mit dem sich viele Erkrankte auch hier im Landkreis Ravensburg auseinander setzen mussten. "Dem musste man etwas entgegensetzen", erinnert sich Dr. Martin Jandl. "Dabei haben die Patienten gelitten. Die Depression ist nämlich ein wüster Geier, der am Leben frisst."


Quelle: www.szon.de

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