Artikel Navigation
 
Die Angst, den Verstand zu verlieren
Die Angst, den Verstand zu verlieren

Diesen Monat im St. Galler Kinok: Der Dokumentarfilm «Someone Beside You» von Edgar Hagen

Dokumentarfilme über die Psychiatrie sind rar. Der Basler Regisseur Edgar Hagen hat sich in mehrjähriger Arbeit dem Thema genähert und ein hintergründiges Roadmovie über und mit Menschen geschaffen, die «verrückt» sind.

Geri Krebs

«Wenn ich die psychiatrischen Akten über mich anschaue, dann bin ich ein schwerstgestörter, kranker Mensch. Was die weitere Ausübung meines Berufes anbelangt, so ist sie mir untersagt. Begründet wird dies damit, dass ich an einer besonderen Form von Uneinsichtigkeit leide, die weder mit Medikamenten noch mit Supervision oder Therapie kuriert werden kann.» So beantwortet Jakob Litschig, 55, in einer Szene im Film von Edgar Hagen die Frage des Regisseurs nach seiner Krankheit.

Was dem sympathischen älteren Mann mit runder Brille und Pferdeschwanz widerfahren ist, das erleben in der Schweiz Jahr für Jahr Tausende von Menschen, wenn sie nach Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken als nicht mehr arbeitsfähig eingestuft und mit einer Invalidenrente abgespeist werden. Das Besondere am Fall Litschig ist: Er war selber Psychotherapeut und Psychiater, hatte eine eigene Praxis, bis ihm diese vor zehn Jahren infolge unkonventionellen Verhaltens und eigener psychotischer Erkrankung entzogen und er mit Berufsverbot belegt wurde.

Aggressionen

In der Eingangsszene zeigt sich ein Litschig, der nicht immer nur freundlich, ruhig und gefasst ist. Ausser sich vor Wut brüllt er am Zürcher Limmatufer vor dem parkierten Wohnmobil seinen Beifahrer, den offensichtlich verwirrten Kaspar Vogel, 49, an. Es ist eine verstörende Szene, als Zuschauer fürchtet man einen Moment lang, die beiden Männer könnten aufeinander losgehen. Doch schliesslich beruhigen sie sich. Solch heftige, ungebremste Gefühlsäusserungen hat es zuvor in einem einheimischen Dokumentarfilm noch kaum gegeben.

Doch Edgar Hagen betreibt den Tabubruch nicht als Selbstzweck. Er will aufzeigen, wie brüchig die Grenze zwischen «verrückt» und «normal» ist. Und geht dabei immer wieder selbst an Grenzen. Beispielsweise dort, wo er mit Jakob Litschig einen Mann dahin begleitet, wo dieser Jahre zuvor einen psychotischen Schub hatte: In einem norditalienischen Dorf war er bewaffnet auf einen Carabinieri-Posten losgestürmt und hatte geschossen. Ein andermal sucht Hagen den zehnten Stock eines Gebäudes auf, jenes Fenster, aus dem sich die Frau dreissig Jahre zuvor heruntergestürzt hatte, um sich umzubringen.

«Someone Beside You» ist ein komplexes Dokument über die Abgründe des menschlichen Geistes, filmisch ist es als Roadmovie angelegt, als Leitmotive tauchen immer wieder Spiegelungen und Aufnahmen aus Helikoptern auf. Per Wohnmobil reist Hagen in der Schweiz, in Italien, in Frankreich und in den USA mit den Psychiatern Jakob Litschig, Eric Chapin, Tilman Borghardt und Edward Podvoll und trifft dabei deren Klienten.

Psychosen sind heilbar

Den Psychiatern ist die Grundüberzeugung gemeinsam: Wer einen Verstand hat, kann ihn auch verlieren. Damit stehen sie im Widerspruch zur herkömmlichen Psychiatrie, die von genetischen und organischen Prädispositionen ausgeht. Ausserdem ist sie der Ansicht, dass viele Psychosen nicht heilbar sind, sondern nur durch Medikation unter Kontrolle gehalten werden können.

Demgegenüber ging der Amerikaner Edward Podvoll (1936– 2003) von der Heilbarkeit von Psychosen aus, er definierte sie als einen Extremzustand des Geistes, aus dem man auch wieder herausfinden kann, wenn man den in jedem Menschen vorhandenen gesunden Kern aktiviert. Diese Haltung hat Podvoll in seiner 1981 gegründeten therapeutischen Gemeinschaft «Windhorse» in Boulder, Colorado, gelebt.

Die Szenen mit Podvoll gehören zu den beeindruckendsten Momenten des Films. Der bereits von Krankheit gezeichnete Mann strahlt eine Ruhe aus, die seine Überzeugung glaubhaft macht: Man kann auch in schlimmsten psychotischen Schüben noch kommunizieren, ohne dabei den «Verlockungen des Wahnsinns» zu verfallen, wie der Titel eines seiner Bücher lautet.


6.–28. Mai im Kinok, St. Gallen Do 10. Mai: nach dem Film Podiumsdiskussion mit Regisseur und Fachleuten unter Leitung von Theodor Itten, Psychotherapeut

Quelle: www.tagblatt.ch
Es wurden noch keine Kommentare verfasst.
Kommentar schreiben
Name:

Sicherheitscode:
Sicherheitscode


 
Bewertungen
Bitte logge dich ein, um eine Bewertung abzugeben.

Es wurden noch keine Bewertungen abgegeben.
 
Werbung
cleverALLNET