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Gestorben auf dem Weg zum Ich
Gestorben auf dem Weg zum Ich
Ausstellung: Einblicke in die Gefühlswelt von Borderline-Erkrankten – Vortrag über eine erfolgreiche Therapieform

Karin wurde mit vier Jahren zum ersten Mal von ihrem Vater misshandelt. Als sie zwölf war, missbrauchte sie der Onkel sexuell und zwang sie zum Geschlechtsverkehr mit fremden Männern. Heute ist sie 45, hat 18 Klinikaufenthalte hinter sich und verletzt sich immer wieder selbst: „Die Narben auf meinem Arm verheilen nicht. Die Narben meiner Seele heilen auch nicht. Ich bin gestorben auf dem Weg zum Ich.“ Diagnose: Borderline.
Dieser seelischen Krankheit ist jetzt eine Ausstellung gewidmet, gestaltet von Martina Schwarz aus Aachen. Sie leidet selbst an der Persönlichkeitsstörung. Für ihre Diplomarbeit in Grafik-Design hat sie viele Texte von Betroffenen gesammelt. Den verstörenden Lebensbeichten hat Schwarz am Computer grell gefärbte Fotografien gegenübergestellt und dem Gesamtwerk den Titel: „Tagebuch Borderline-Borderland“ gegeben. Bis zum 23. April sind ihre Arbeiten im Gemeindezentrum St. Elisabeth, Schlossgartenplatz 4, zu sehen.

Immer wieder stechen Wörter wie „Angst“, „Missbrauch“ und „Schmutz“ aus den irritierenden Collagen hervor. Die Autorinnen beschreiben eindringlich ihre verzweifelte Lage: Verlassensängste und Furcht vor Angreifern, totaler Selbstekel bis hin zum Wunsch, das eigene Leben zu beenden. Häufig lösen Traumata in der Kindheit wie Missbrauch und Vernachlässigung die Störung aus.

Die Ausstellung will einen Einblick in die Gefühlswelt von Borderline-Erkrankten geben, „um sie besser verstehen zu können“, sagte Helga Nonn-Drechsel vom Gemeindepsychiatrischen Zentrum Denn obwohl allein in Darmstadt schätzungsweise 3000 Betroffene leben, ist die Krankheit bisher wenig bekannt.

Wer sich mit ihr beschäftige, reagiere häufig irritiert und ablehnend, stellte Caritasdirektor Franz-Josef Kiefer fest: „Den Betroffenen passiert es sehr häufig, dass sich auch Therapeuten von ihnen abwenden.“ Psychologe Hans Gunia, der in seinem Vortrag „Diagnose Borderline... und dann?“ über die Krankheit informierte, kennt dieses Phänomen: „Eine Kollegin sagte mal: Zum Glück hatte ich noch keinen Borderliner.“ Betroffene gelten unter Psychologen als schwierig, weil sie aufgrund ihrer starken Stimmungsschwankungen launisch seien, häufig die Therapie abbrechen und mit Selbstmord drohen. Laut Gunia liegt das Suizidrisiko bei sieben Prozent. „Unter denen, die sich selbst verletzen, sogar bei bis zu 30 Prozent.“

Dass sich etwa 70 Prozent aller Erkrankten selbst schädigen, zeigt sich in der Ausstellung: zerschnittene Unterarme, blutende Beine, verbrannte Haut. „Borderliner reagieren sehr schnell extrem heftig auf emotionale Reize“, erklärte Gunia. Dieser Zustand hoher Anspannung werde von den Betroffenen als sehr unangenehm empfunden. Sie fügten sich Verletzungen zu, um die Spannung reduzieren zu können. Ein Therapeut müsse für dieses selbstzerstörerische Verhalten Verständnis zeigen, aber auch Alternativen eröffnen. Als Behandlungsform bewährt habe sich die „Dialektisch Behaviorale Therapie“ (DBT) aus den USA. Seit 1997 gibt es auch in Darmstadt ein DBT-Netzwerk aus psychologischen und ärztlichen Praxen.

Die Bilanz der vergangenen zehn Jahre fällt positiv aus: „Wir konnten die stationären Aufenthalte und Therapieabbrüche reduzieren, die Suizidrate sank, und etwa der Hälfte unserer Patienten haben wir effektiv geholfen.“ Zwar behielten die meisten eine besondere Verletzlichkeit, sie könnten aber dank therapeutischer Strategien besser damit umgehen.

babs
20.4.2007

Quelle: www.echo-online.de
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