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Psychiatrie ohne Nachwuchs
Psychiatrie ohne Nachwuchs
In der Psychiatrie mangelt es an jungen Ärzten - und der Trend verstärkt sich in den nächsten Jahren

Die Psychiatrie verliert derzeit stark an Attraktivität. Nur noch wenige Medizinstudenten entscheiden sich für den Fachbereich. Die Klinikdirektoren rekrutieren Ärzte in Osteuropa.

Mathias Ninck

Die Altersstruktur in der Psychiatrie ist prekär. Das Durchschnittsalter der Psychiater in unserem Land beträgt 53 Jahre. Jeder fünfte Psychiater ist älter als 60, und nur 6 Prozent sind jünger als 40 Jahre. Das geht aus dem jüngsten Bericht des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums Obsan hervor.

Die Situation wird sich in den kommenden Jahren weiter verschlechtern. Denn es entscheiden sich deutlich weniger Studienabgänger für die Psychiatrie als früher. Das zeigen die regelmässigen Assistenzarzt-Befragungen, und zum selben Schluss kommt eine umfangreiche Studie des Universitätsspitals Zürich, in der 515 junge Ärzte aus Basel, Bern und Zürich während ihrer fachärztlichen Weiterbildung von 2000 bis 2009 immer wieder zu ihrer Karriereentwicklung befragt werden.

Gemäss diesen Untersuchungen werden im Jahr 2007 noch 6 Prozent aller Ärzte den Facharzttitel für Psychiatrie machen und im Jahr 2008 noch 5,7 Prozent. In den Jahren davor entschieden sich gemäss Ärzteverband FMH noch mehr als doppelt so viele Ärzte für die Psychiatrie, nämlich jedes Jahr 10 bis 15 Prozent aller Ärzte (siehe Grafik). «Wir sehen in unserer Studie, dass nur wenige Ärzte Psychiater werden wollen. Aber der Wunsch ist über all die Jahre der Ausbildung relativ konstant», sagt Barbara Buddeberg, die die Forschungsgruppe am Universitätsspital Zürich leitet. «Mehr als die Hälfte aller Studenten, die Psychiater werden wollen, wollen das von Anfang an.»

Ein weiterer Trend verschärft den Nachwuchsmangel. Immer weniger Einheimische werden Psychiater. Waren 1999 gemäss FMH noch 60 Prozent der Assistenzärzte in der Psychiatrie Schweizer und im Jahr 2001 noch die Hälfte, so machen die Schweizer derzeit nur noch 40 Prozent aus.

«In der Psychiatrie sind wir stark von Deutschland abhängig», sagt Gerhard Ebner, Präsident der Schweizerischen Vereinigung Psychiatrischer Chefärzte (SVPC). «Lange Zeit haben wir Ärzte importiert, ohne ihre Ausbildung zahlen zu müssen. Deutschland blutete langsam aus.» Vor einigen Jahren hat unser Nachbarland auf den Aderlass reagiert und die Praktikumspflicht für Mediziner abgeschafft. Das spüre man jetzt, sagt Ebner. «Seit zwei Jahren kommen weniger deutsche Assistenzärzte in die Schweiz.»

In den Kliniken wird der Mangel an jungen Schweizer Psychiatern bereits als dramatisch bezeichnet. Besonders betroffen sind Institutionen, die sich auf ein einzelnes Gebiet spezialisiert haben, etwa die Alterspsychiatrie, sowie ländlich gelegene Akutstationen. Sie weichen heute bei der Rekrutierung des Nachwuchses auf Osteuropa aus, wie Ebner sagt. «Wenn man jetzt vermehrt junge Psychiater mit ungenügenden Deutschkenntnissen einstellen muss, sieht es schitter aus. Die Sprache ist und bleibt ein wichtiges Instrument in der Psychiatrie.»

Unsichere Zukunft
Daniel Hell, Klinikdirektor an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, interpretiert den Einbruch beim Psychiatrie-Nachwuchs vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Umbruchs der letzten Jahre wie der Ökonomisierung und Biologisierung der Psychiatrie. «Wir beobachten heute in der Schweiz einen ähnlichen Trend wie vor 15 Jahren in den USA», sagt er. In den siebziger und achtziger Jahren war Psychiater dort ein begehrter Beruf. Dann kam das neurobiologische Denken auf, und das psychotherapeutische Denken rückte in den Hintergrund. «Die meisten, die Psychiater werden wollen, möchten später mit Menschen und an ihren Problemen arbeiten», sagt Hell. Sie haben die Vorstellung von Therapien, in denen man dialogisch vorgeht, von Person zu Person. Die zunehmende Formalisierung der Psychiatrie und die unsichere Zukunft der Psychotherapie machten die Psychiatrie in ihren Augen weniger attraktiv, so Hell.

Hans Kurt, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP), sagt, zwar seien Psychiater bekanntlich schlechter bezahlt und genössen weniger Ansehen als alle anderen Fachärzte, aber er wisse «letztlich nicht, warum sich das jetzt so entwickelt». Er hat Barbara Buddeberg deshalb beauftragt, die Frage zu klären, welche Lebens- und Berufsvorstellungen junge Mediziner haben, die sich zum Facharzt für Psychiatrie ausbilden lassen. Die Untersuchung zeige, sagt Buddeberg, dass «ausserberufliche Faktoren bei der Berufswahl zum Psychiater eine grosse Rolle spielen». Etwa die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ein Psychiater ist freier in der Gestaltung seines Alltags als ein Chirurg. Gleichzeitig gibt es in der Psychiatrie weniger Hierarchie und Hickhack als in den meisten anderen Bereichen der Medizin.

Politische Reaktion
Auf politischer Ebene ist der Nachwuchsmangel erkannt worden. Die Anzahl Menschen mit psychischen Störungen hat in den letzten Jahren zugenommen, der Bedarf an psychiatrischem Fachpersonal steigt. «Im Zusammenhang mit dem Hausärztemangel haben wir auch über die Lücken in der psychiatrischen Versorgung gesprochen», sagt Markus Dürr, Luzerner Regierungsrat und Präsident der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK). «Massnahmen, um den Trend zu bremsen, haben wir in der GDK aber nicht thematisiert.» Er finde, sagt Dürr, dass zuerst einmal die Universitäten reagieren müssten.

Quelle: ww.nzz.ch
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