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Menschen, die sich selbst verletzen
Menschen, die sich selbst verletzen


Ausstellung: Gemeindezentrum St. Elisabeth thematisiert Persönlichkeitsstörung Borderline Robbie William lebt extrem. Als Schüler war er der Klassenclown, als Star fällt er durch Drogen- und Partyexzesse unangenehm auf. Der Sänger gehört zu jenen Menschen mit Borderline-Störung, die zunächst durch ihre Kreativität und Dynamik entzücken, aber bald durch unberechenbare Gefühlsschwankungen irritieren, verletzen und schockieren.
Eine Million Borderline-Kranke soll es in Deutschland geben, schätzungsweise knapp 3000 in Darmstadt. Dennoch ist diese Persönlichkeitsstörung wenig bekannt. Eine mit Vorträgen verbundene Ausstellung, die Norbert Schüssele und Helga Nonn-Drechsel vom Gemeindepsychiatrischen Zentrum des Darmstädter Caritasverbandes nach Darmstadt geholt haben, soll Abhilfe schaffen.

Schüssele und Nonn-Drechsel schätzen, dass 5,1 Prozent ihrer Klienten eine – von Ärzten diagnostizierte – Borderline-Störung haben, und zwar deutlich mehr Frauen als Männer. Aber das hängt nicht mit dem Krankheitsbild zusammen, sondern mit dem Strafrecht: Männer mit solchen Störungen fallen durch unsoziales Verhalten auf, werden oft kriminell und landen im Gefängnis.

Die Borderline-Kranken schädigen sich selbst durch körperliche Verletzungen („schnibbeln“), Rücksichtslosigkeit gegen sich und andere, unangemessene Wutausbrüche und verzweifeltes Bemühen, nicht verlassen zu werden. Oft haben sie in der frühen Kindheit Traumatisches erlebt: sexuellen Missbrauch, Vernachlässigung, Gewalt.


Martina Schwarz ist eine Betroffene und hat das Thema Borderline im Jahr 2002 für ihre Diplom-Arbeit in Grafikdesign „Tagebuch Borderline – Borderland“ gewählt. Das Ergebnis, gefördert vom Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung, ist vom 17. bis 23. April im Gemeindezentrum von St. Elisabeth, Schlossgartenplatz 4, zu sehen.


Zu Grafiken und zum Teil aufwühlenden Fotos von Selbstverletzungen stellt sie Texte, die ihr Betroffene nach einem Aufruf im Internet zugeschickt haben. Es sind Schreie aus verwundeten Seelen wie diese: „Heute bin ich 26 Jahre alt. Ich hoffe noch immer auf die Liebe meiner Mutter. Ich sehne mich immer noch nach jemandem, der sich um mich kümmert. Manchmal zerschneide ich mir noch die Unterarme, aber nicht mehr so viel und nicht so tief wie früher. Im Umgang mit anderen Menschen bin ich sehr misstrauisch. Ich fühle mich einsam. Meine eigenen Wünsche kann ich nicht erkennen. Ich kann mich immer noch umbringen.“ Viele erzählen, dass sie ungewollte oder ungeliebte Kinder waren und von Verwandten sexuell ausgebeutet wurden.


Der Begriff Borderline wurde vor rund 40 Jahren eingeführt und bezeichnet ein Krankheitsbild zwischen Schizophrenie und neurotischem Verhalten. Zwei Therapieformen, die eine verhaltenstherapeutisch, die andere mehr psychodynamisch und psychoanalytisch orientiert, sollen Borderlinern helfen, sich besser zu verstehen, extreme Gefühle zu kontrollieren und ihre Lebensgeschichte zu verarbeiten. In Darmstadt gibt es speziell für diesen Personenkreis ein Therapeutennetzwerk und ein zweieinhalbjähriges Kombiprogramm mit Einzel- und Gruppentherapie.


Die Ausstellung „Tagebuch Borderline – Borderland“, ergänzt mit Texten und Bildern einer Betroffenen aus Darmstadt, wird am Dienstag (17.) um 18 Uhr eröffnet. Diplom-Psychologe Hans Gunia hält den Vortrag „Diagnose Borderline. . . und dann?“ Am Mittwoch (18.) um 17.30 Uhr berichtet Christiane Tilly, Ergotherapeutin, Mitautorin verschiedener Bücher und Klientin, über „Leben auf der Grenze – Erfahrungen mit Borderline.“ Ein von vier Betroffenen hergestellter Dokumentarfilm „Diagnose Borderline – Borderland“ wird am Donnerstag (19.) um 17.30 Uhr gezeigt.


Die Ausstellung am Schlossgartenplatz 4 ist ab 17. April zu folgenden Zeiten zu sehen: am Dienstag von 17 bis 21 Uhr, am Mittwoch von 15 bis 21 Uhr, am Donnerstag von 15 bis 20 Uhr und Freitag, Samstag, Sonntag und Montag von 15 bis 18 Uhr.


pep
13.4.2007
Quelle: www.echo-online.de/suedhessen/template_detail.php3?id=456606

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