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Alternative zur Psychiatrie - Daneben sein
Alternative zur Psychiatrie
Daneben sein

Von Marc Rufer

Ein Dokumentarfilm zeigt die Methoden eines US-amerikanischen Psychologen, der den Umgang mit Psychosen revolutionieren will. Gedanken zum Film und ein Plädoyer für eine andere Psychiatrie, für die dringend notwendige Auseinandersetzung mit unserer Angst vor dem Wahnsinn.
Die «Erfolge» der Neurobiologie nehmen einen breiten Platz in den Medien ein, die Hirnforschung ist daran, sich zu einer neuen Leitwissenschaft aufzuschwingen. Über die postulierten biologischen Grundlagen psychischer Krankheiten und Sinn oder Unsinn der Psycho­pharmakatherapie wird kaum mehr diskutiert, sie werden als «wissenschaftlich gesichert» akzeptiert. Umso wichtiger ist ein Dokument wie «Someone beside You», das die Problematik psychischer Extremzustände aus einem ganz anderen Blickwinkel zeigt.

Der Regisseur Edgar Hagen hat nicht einfach einen Dokumentarfilm gedreht. Er hat sich zur Verwirklichung des Projekts intensiv mit den Protagonisten auseinandergesetzt, um eine tragfähige Vertrauensbasis herzustellen. Hagen versteckt sich nicht, ist als lebendiger Mittler im Film präsent. Es ist also ganz wesentlich ein Film über menschliche Beziehungen geworden. Und ein letztes beeindruckendes Porträt von Edward Podvoll, des Gründers des Windhorse-Projekts, eines Therapieansatzes zwischen westlicher Psychologie und östlicher Spiritualität (vgl. ganz unten). Einige Monate nach Drehschluss ist Podvoll gestorben.

Der Film zeigt uns, dass alle Menschen wahnsinnig beziehungsweise psychotisch werden können, nicht nur diejenigen, die diese Anlage geerbt haben. Eng verbunden mit dieser Aussage ist eine weitere: Psychosen und Schizophrenie (wie auch immer man diese Zustände nennen will) sind heilbar. Karen, die erste Windhorse-Klientin, hatte im Alter von 29 Jahren, als sie die Therapie begann, bereits verschiedene psychotische Episoden durchgemacht, war drei Jahre hospitalisiert und sprang nach der Flucht aus der Klinik aus dem zehnten Stock eines Hotels. Im Film, mit 52 Jahren, erscheint sie als reife, besonnene, beeindruckende Frau. Karen zeigt eine Wachheit und Lebendigkeit, die unmöglich wäre, hätte sie bis heute Neuroleptika zu sich genommen, wie es in psychiatrischen Therapien üblich ist. Hier darf mit Recht von Heilung gesprochen werden.

Auch hochgradig verwirrte Menschen erleben, wie Podvoll sagt, «Inseln der Klarheit»: Sie erlauben erste Momente der Beziehungsaufnahme; es ist von entscheidender Bedeutung, diese zu erkennen und zu pflegen. Doch wer sich auf Menschen einlässt, die Extremzustände durchmachen oder durchgemacht haben, der muss bereit sein, seine eigenen Grenzen zu überschreiten. Er wird auf sich selbst zurückgeworfen, auf seine eigene Problematik, seine eigenen Ängste.

Das Gefühl der Angst ist zentral. Was wir nicht verstehen, macht Angst, wirkt fremd, «irr» auf uns. Das, wovor wir Angst haben, wird nur allzu leicht zum Bösen, vor dem wir, solange wir schwach sind, fliehen, und das wir jedoch, sobald wir uns stark fühlen, bekämpfen. Es ist die Angst vor dem Verlust unserer eigenen Ich-Grenzen, die Angst vor Orientierungs- und Kontrollverlust, die verhindert, dass wir uns diesen Gefühlen und ihren Hintergründen stellen. Wir alle - auch PsychiaterInnen und PsychotherapeutInnen - sind diesen Ängsten ausgesetzt. Das Problem sind nicht die Betroffenen, sondern das, was sie in uns auslösen. Im Kontakt mit ihnen lernen wir uns bis anhin unbekannte Seiten unserer eigenen Persönlichkeit kennen. Diese als bedrohlich erlebte Konfrontation stellt aber auch eine Chance dar, die Möglichkeit einer Bereicherung.

«Ich muss mit dem Herzen da sein»

Jeder Mensch kann unter vergleichbaren Bedingungen - beispielsweise wenn man von dem oder der PartnerIn verlassen wird, wenn grosse berufliche Ziele verpasst werden oder Arbeitslosigkeit droht - in einen psychotischen Zustand geraten. Diese Überzeugung ist Voraussetzung für den entscheidenden Schritt hin zum Verständnis. Sobald wir erkennen, dass den Betroffenen nichts Aussergewöhnliches zustösst, dass sich in ihrem Inneren eine Möglichkeit der menschlichen Existenz abspielt, sieht die Sache ganz anders aus. In diesem Moment verflüchtigt sich die Angst: Nun kann man sich dem anderen Menschen, seiner Gegenwart, seiner Ausstrahlung aussetzen.

Gefordert ist die radikale Akzeptanz des Gegen­übers. Sehr schön zeigt dies im Film die Schwester eines Manns, der schwere psychotische Zustände durchgemacht hat und auch einmal verwirrt vor ihr stand, mit geladenem Gewehr. Plötzlich erkannte sie: «Ich muss nicht mehr, nur weil er Probleme hat, Angst haben vor meinem Bruder. Ich muss mit der Liebe da sein, mit dem Herzen, und ihn verstehen. Das hat mir viel geholfen. Ich weiss gar nicht mehr, was Angst ist.» Als negative Erwartungshaltung löst die Angst dagegen oft eine Eskalation der Ereignisse aus. So wird sie zur sich selbst erfüllenden Prophe­zeiung, sodass die befürchtete Katastrophe tatsächlich eintritt.

Auch Edgar Hagen war mit diesen Ängsten konfrontiert: «Ich hatte zu Beginn der Vorbereitungen grosse Angst, dass mit einzelnen Leuten während der Dreharbeiten etwas geschehen könnte. Ich fragte mich schon, was geschieht, wenn tatsächlich jemand irgendwo runterspringt. Was geschieht, wenn jemand während des Drehs in eine Vollpsychose abrutscht und beginnt, um sich zu schiessen? Es war in jedem Moment alles vorstellbar. Die monatelangen Vorbereitungsarbeiten führten dazu, dass ich diese Angst ablegen konnte, die Angst vor dem Zustand, in den ein anderer Mensch kommen kann.»

Es ist aufschlussreich, dass Edward Podvoll und Eric Chapin, ein weiterer Psychotherapeut im Windhorse-Projekt, im Film niemals den Begriff «Schizophrenie» verwenden. Dieser ist schwer belastet und schafft sich so zwangsläufig seine eigene, vielfach aufgeladene Wirklichkeit. Durch den Gebrauch von Bezeichnungen wie «Schizophrenie» oder «Manie» werden die Therapeut­Innen vom Innern der Betroffenen abgeschnitten. Dasselbe gilt für die Betroffenen selbst. Ja sogar der Begriff «Psychotherapie» ist fragwürdig. Podvoll sagt das im Film deutlich: «Therapie existiert nicht, das ist lächerlich. Wenn die Beteiligten die Identitäten von ‹Therapeut› und ‹Patient› annehmen, entsteht eine enorme Kluft. Sobald man sich über die Rolle des Therapeuten definiert, verliert man die Hälfte seiner Menschlichkeit, man hat das wichtigste Organ verloren, um andere Menschen zu verstehen, wahrzunehmen, zu spüren. Man muss sich hinabbegeben auf das Niveau des gewöhnlichen Menschen, der man ist, der etwas weiss oder eben nicht.»

Der Weg zurück

Die in «Someone beside You» auftretenden Betroffenen sind alle wiederholt psychiatrisch hospitalisiert gewesen. Lange Klinikaufenthalte aber führen praktisch immer zu einer wesentlichen Verschlechterung der Prognose. Umgekehrt erholen sich nicht selten Menschen, die psychotische Zustände erleben, ohne therapeutische Behandlung, ohne Verabreichung von Medikamenten.

Der Film zeigt auf, dass es jenseits der schulmedizinischen Diagnostik und der Therapie mit Psychopharmaka gute Möglichkeiten gibt, psychische Extremzustände durchzustehen. ­Dies auf eine Art, die später wieder ein ­erfülltes Leben zulässt. Podvoll ist allerdings überzeugt, dass man diese Möglichkeiten nur ausserhalb des Systems der heutigen Psychiatrie verfolgen kann.

«Someone beside You» ist ein Film über den Wahnsinn, über schwerste psychische Störungen, über Menschen, die eine Grenze überschritten haben und über ihren Weg zurück in ein selbst bestimmtes Leben. Ein Film, der quer steht und schlecht passt zu gängigen Erklärungsmustern. Ein Film auch und vor allem über Verständnis, Einfühlung, Rücksicht. Ein anspruchsvolles Thema und ein entsprechend ­anspruchsvoller Film, der den ZuschauerInnen ­einiges abverlangt, der aber auch Hoffnung macht.

Marc Rufer, Psychotherapeut und Arzt, äussert sich in Büchern und Artikeln regelmässig kritisch zum Thema Psy­chiatrie.

Die Windhorse-Idee

Für Edward Podvoll, ursprünglich Psychoanalytiker, eröffnet die Verknüpfung von westlicher und östlicher Psychologie neue Wege zum Verständnis und zum Umgang mit psychischen Extremzuständen. Jahrelang praktizierte er buddhistische Meditationstechniken. 1981 gründete er in Boulder (Colorado) das Windhorse-Projekt, wo seither in therapeutischen Gemeinschaften Menschen in schwersten psychischen Belastungssituationen aufgenommen werden. In der Zwischenzeit sind in den USA und in Wien weitere Windhorse-Teams gegründet worden. Seit fünf Jahren gibt es auch in Zürich eine Wind­horse-Gemeinschaft; bisher wurden dort sieben Betroffene längere oder kürzere Zeit begleitet. Kernpunkt der Windhorse-Philosophie ist die intensive Begleitung von Menschen mit akuten psychischen Problemen durch Laien ohne therapeutische Ausbildung.
fir

Quelle: www.woz.ch
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