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Behandlung ohne Neuroleptika
Behandlung ohne Neuroleptika

Das Soteria-Konzept hat eine kontroverse Diskussion über die Behandlungsformen der Schizophrenie in Gang gesetzt.

Die Behandlung eines akuten schizophrenen Krankheitsschubes unter weitgehendem Verzicht von neuroleptischen Medikamenten wird an einigen wenigen Stellen in der Schweiz (Bern) und in Deutschland ausprobiert. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass keine lebensbedrohlichen Symptome der Psychose vorhanden sind. Ausgangspunkt dieser anderen Behandlungsversuche ist ein Experiment des Psychiaters Mosher in den USA, das er Soteria-Projekt nannte. Er brachte junge schizophren erkrankte Menschen in eine geräumige Umgebung, die viel Ruhe und Stille ausstrahlte. Die Patienten wurden dort von Personal, das sich zur Hälfte aus Fachleuten und zur anderen Hälfte aus engagierten Laien zusammensetzte, Tag und Nacht ohne Schichtwechsel betreut. Die Mitarbeiter blieben jeweils mehrere Tage am Stück beim Patienten; sie lebten quasi in der Klinik. Hinter dem Versuch stand die Idee, in einer für den Patienten als undurchschaubar und bedrohlich wahrgenommenen Lebenssituation wieder viel Ruhe, Gleichmäßigkeit und Verlässlichkeit anzubieten. Auf Medikamente wurde dabei völlig verzichtet.
Der Schweizer Psychiater Ciompi hat als erster in Europa (Bern) versucht, das Soteria-Konzept umzusetzen und auf seine Wirksamkeit zu erforschen. Medikamente wurden in seinem Team nur sehr vereinzelt benutzt. In den Ausnahmefällen wurden lediglich schwache Medikamente zur Beruhigung verabreicht. Auch in Deutschland plant man an einigen Zentren, solche Behandlungsbedingungen zu erproben. Teilweise wurde es auch schon umgesetzt, in sogenannten "Weglaufhäusern".
Rein wissenschaftlich hat sich bisher nicht zeigen lassen, dass Patienten - was Krankheitsverlauf und Rückfallhäufigkeit angeht - von diesem Ansatz generell mehr profitieren als von einer gut durchdachten Kombination von medikamentöser Therapie und Psychotherapie. Aber die Diskussion über das Für und Wider ist noch lange nicht abgeschlossen.
Je nach Befindlichkeit des Betroffenen muss individuell über die Therapie entschieden werden. Manche Menschen bevorzugen es, sich in einer geschützten Umgebung mit ihren veränderten Wahrnehmungen auseinanderzusetzen und so auch zu einem besseren Verständnis ihres Zustands zu gelangen. Manche Patienten sind dagegen erleichtert, dass die Medikamente ihre oft unerträglichen Ängste und massiven Wahnvorstellungen schnell auflösen. Ohne Medikamente kann dieser Prozess doch erheblich länger andauern, oder die Symptome klingen garnicht ab.
Die Erkenntnis, dass die Ruhe und Überschaubarkeit einer Krankenstation einen wohltuenden Einfluss auf akute psychische Störungen hat, wurde inzwischen weitgehend bei Klinikneubauten und -umbauten umgesetzt. Behandlungsräume für akut Erkrankte sind kleiner und übersichtlicher gestaltet und mit vergleichsweise mehr Personal ausgestattet. Gut geschultes Personal bezieht Patienten selbstverständlich so weit wie möglich in den Entscheidungsprozess ein, ob Medikamente sinnvoll sind oder ob auf sie verzichtet werden kann.

Eine ruhige und überschaubare Umgebung wirkt sich bereits positiv auf den Patienten aus.

Quelle:

Hexal-Ratgeber Gesundheit
Psychosen

ISBN 3-576-10775-4
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